Newsletter vom 1.10.2021

Paul Bauwens-Adenauer: Die CDU ist ein Sanierungsfall – Über Kölns großes Potential und Söders Haltungslosigkeit

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

der auffordernde Schriftzug „Liebe deine Stadt“, der viele Jahre über der Nord-Süd-Fahrt zu sehen gewesen ist, war vermutlich nirgendwo so unnötig wie in Köln. Denn an Liebe zur Stadt besteht kein Mangel, sie braucht weder einen Anlass noch eine besondere Begründung. Doch Liebe macht auch blind. Sie übersieht Schmutz und Verwahrlosung, sie blendet die zunehmende Hässlichkeit des öffentlichen Raums aus, sie hat längst gewöhnt an die heruntergekommenen Einkaufsstraßen der Innenstadt, die vermüllten Grünflächen, das enthemmte Partyvolk auf den Ringen und im Friesenviertel, die vielen Junkies und die organisierte, teils aggressive Bettelei, das täglich wachsende Verkehrschaos.

Klar, Köln ist besonders. Kommt man aus, sagen wir, Stockholm, Breslau oder auch nur Düsseldorf, merken wir: Es geht auch anders. Woran also liegt`s? Diese Frage habe ich jemandem gestellt, den die Zuneigung zu seiner Heimatstadt nie unkritisch gemacht hat: Paul Bauwens-Adenauer. Ihn erreiche ich telefonisch in den USA. Köln habe ein enormes Potential, sagt er, die Stadt habe großartige Chancen. Aber offensichtlich werden in Köln aus Chancen eher Krisen. „Die Ausstrahlung, das Erscheinungsbild ist katastrophal“, man müsse sich nur rund um den Dom, Deutschlands prominenteste Sehenswürdigkeit, umschauen. Verwaltung und Politik, wobei er seine eigene Partei, die CDU, keineswegs ausnimmt, seien hierfür verantwortlich.

Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt, es gebe immer wieder zukunftweisende Impulse. So etwa Paul Böhms kühne Vision für eine neugestaltete Innenstadt inklusive der Verlegung des Hauptbahnhofs ins Rechtsrheinische. „Ich bin Paul Böhm dankbar für diese Ideen.“ Überhaupt mahnt er ein langfristiges Konzept an, wobei er für eine weitgehende Verlegung des Öffentlichen Personennahverkehrs unter die Erde plädiert.  „Wir müssen die Aufenthaltsqualität deutlich verbessern. Wir brauchen Plätze, auf denen man sich gerne aufhält“, so sein Credo mit Verweis auf andere Metropolen.

Bei seiner Partei sieht er, in Köln wie im Bund, einen fatalen Mangel an Gestaltungswillen und Gestaltungskraft: „Die CDU ist ein Sanierungsfall, sie ist konzeptions- und haltungslos“. Nach dem Wahldesaster vom 26. September sieht er den Platz für die CDU in der Opposition: „So bitter das wäre, es ist vielleicht der einzige Weg zur inhaltlichen und personellen Erneuerung.“  Armin Laschet nun zum alleinige Sündenbock zu machen, sei der falsche Schluss: „Das ist billig.“ Auch Bayerns Markus Söder zum Beispiel sei „haltungslos“, das Versagen laste auf vielen Schultern.

Mit Noch-Kanzlerin Angela Merkel („Sie hat die Union da reingesteuert“) und der Unions-Führungsspitze geht Bauwens-Adenauer hart ins Gericht. In den Kernfragen, für die sie einst gestanden habe, also Europa, äußere und innere Sicherheit, Eigentumsbildung etc., bleibe sie orientierende Antworten schuldig. Die Frage, wovon wir künftig leben wollen, sei nicht thematisiert worden. „Wir zehren von der Substanz. Dabei sollte gerade die CDU, die immer auch die Partei der kleinen Leute war, das vermitteln, dass wir erwirtschaften müssen, was wir verteilen wollen.“

Der Unterschied zu seinem Großvater Konrad Adenauer sei, dass der „wusste, was er wollte, und dafür auch gestanden hat“. Damit habe der erste Nachkriegs-Kanzler Orientierung geben können.

Natürlich muss man Paul Bauwens-Adenauer nicht in allen Analysen und  Einschätzungen folgen. Aber der Mann hat klare Vorstellungen von einer lebenswerten Stadt, ein fundiertes Urteil über die politischen Verhältnisse, ökonomischen Sachverstand und den Schneid, sich öffentlich und durchaus selbstkritisch in öffentliche Debatten einzubringen. In Abwandlung eines alten Werbespruchs kann man über Menschen wie ihn sagen: „Nie war er so wertvoll wie heute.

In diesem Sinne grüßt Sie, herzlich wie stets

Ihr
Michael Hirz