Newsletter vom 17.09.2021

Corona – Testlauf für die Krisen der Zukunft
Die phil.cologne tischt die großen Fragen der Gegenwart auf
Konstruiert wie ein Regal: Die Hohe Straße-Galerie

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

was eine Krise ist, muss man Armin Laschet nicht lange erklären. Erst hatte er kein Glück, dann kam noch Pech dazu, könnte die Überschrift über seiner Kandidatur für das wichtigste politische Amt des Landes lauten. Doch neben den wenig beeinflussbaren Faktoren wie Glück und Pech geht es auch um beeinflussbare Größen, etwa Können und Mut, mit denen sich das Schicksal gestalten und nicht nur erdulden lässt.

Genau das, nämlich Gestaltungswillen und Kraft, wird von Angela Merkels Nachfolger (oder, wer weiß das schon in diesen turbulenten Zeiten, ihrer Nachfolgerin) gefordert sein, und zwar in einem Maße, wie selten zuvor in der Nachkriegs-Geschichte. Klimaschutz, Staatsverschuldung, schleppende Digitalisierung, Energiewende, Demografie – die Liste der Versäumnisse, Fehlentwicklungen und Gefahren ist innen- wie außenpolitisch gewaltig. Die bunten Versprechungen der wahlkämpfenden Illusionskünstler aller Parteien werden geräuschlos wieder eingemottet – same procedure as every Wahljahr. Denn Versprechen und Halten sind zwei grundverschiedene Dinge, das wusste der lebenskluge Rheinländer schon immer.

Dummerweise ducken sich aber die Gefahren und Risiken nicht so geschmeidig weg wie häufig die Politik. Was also tun? Wo ist der Kompass in einer säkularisierten Welt, der uns sicher durchs Problemdickicht führt? Der Bedarf an Orientierung in unübersichtlicher Zeit, soviel steht fest, ist riesig. Das erklärt nicht nur den Erfolg der Ratgeberliteratur, sondern auch die Rückkehr der Philosophie ins öffentliche Gespräch. Hier darf Köln einmal zurecht stolz sein, denn die Stadt ist seit 2013 Heimat der phil.cologne, des größten europäischen Philosophie-Festivals. Es ist keine esoterische Zusammenkunft von Elfenbeinturm-Sonderlingen, sondern ein putzmunterer Treff von Philosophen und Nicht-Philosophen, die im Gedankenaustausch über Politik, Wirtschaft, Theologie und Gesellschaft gemeinsam nach Wegen in eine gelingende Zukunft suchen.

„Wir sind angetreten, die Philosophie zurück auf den Marktplatz zu bringen. Also gerade raus aus einem rein akademischen, universitären Kontext und auch vor ein Publikum, das nicht notwendigerweise philosophisch vorgebildet ist“, beschreibt es der Programmchef des Festivals, Tobias Bock. Das scheint angesichts des Erfolgs der 9. Ausgabe der phil.cologne durchaus gelungen: 6.500 Gäste nutzten das Angebot, bei dem sich namhafte und medial präsente Philosophie-Stars mit anderen prominenten Gästen über die großen Fragen der Gegenwart unterhielten: Über die Pandemie ebenso wie über die Digitalisierung, über Identität ebenso wie über Umweltschutz. Eine Wohltat angesichts der Behandlung dieser Themen im gegenwärtigen Holzhammer-Wahlkampf und im überdrehten Twitter-Gewitter.

Ich habe im Rahmen des Festivals ein Gespräch mit dem Philosophen und Ethiker Julian Nida-Rümelin geführt, in dem es um den Umgang der Gesellschaft mit Risiken, namentlich mit Covid19 ging. „Corona zeigt, dass es kein Leben ohne Risiko gibt. Aber an andere, auch an große Risiken haben wir uns gewöhnt, akzeptieren sie und leben mit ihnen – vom Verkehr über gefährliche Sportarten bis zu bestimmten Energieformen.“ Auf neue Risiken wie die Corona-Pandemie reagierte die Gesellschaft verunsichert mit drastischen Einschränkungen, auch von Grundrechten. Das provozierte nach Ansicht von Nida-Rümelin zusätzliche Schäden, wirtschaftliche ebenso wie soziale und psychische. „Die haben wir zeitweise ausgeblendet.“ Hier müsse eine Gesellschaft rational und nicht emotional reagieren und sie müsse aushalten, dass Wissenschaft ihrem Wesen nach nicht eindeutig sein kann, sondern sich – wie jetzt bei Covid19 – auch immer wieder korrigieren müsse.

„Herausforderungen wie Corona werden auch in Zukunft noch häufiger kommen. Ob Klimawandel oder neue Technologien, Leben bleibt gefährdet. Darum ist Besonnenheit Bürgerpflicht. Wir müssen abweichende Meinungen in der Wissenschaft, aber auch im öffentlichen Diskurs aushalten, niemanden diffamieren“, so das Plädoyer des renommierten Risikoethikers. Um der Komplexität von gesellschaftlichen Krisen gerecht zu werden, müsse gleich am Anfang schnell im Sinne eines Containment gehandelt werden, dann aber brauche es eine breite, offene Diskussion, an der alle relevanten Disziplinen, Politik und Öffentlichkeit zu beteiligen seien.

Der Austausch mit Philosophen wie Julian Nida-Rümelin zeigt, wie erfrischend es sein kann, die Blickrichtung gelegentlich zu wechseln und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dabei muss es gar nicht immer um die großen Menschheitsfragen gehen, wie sie die phil.cologne behandelt. Ganz alltagspraktisch könnte man auch auf das andauernde Verelenden von Kölns einstiger Vorzeige-Meile Hohe Straße schauen. Das hat der Architekt und Stadtplaner Stephan Braunfels jetzt getan und präsentierte im Kunsthaus Lempertz eine pfiffige Idee: Wir machen aus der Hohe Straße eine Galerie. Ein solcher Plan, nämlich „ein Dach über Kölns wichtigster Straße“, ließe sich schnell und unproblematisch verwirklichen.

Vor drei Wochen erst hatte Braunfels („Köln ist schöner, als man so denkt“) bei einer Veranstaltung des Kölner Presseclubs die Galerie-Lösung für Köln Problemstraße vorgeschlagen, nun folgte bei Lempertz die Visualisierung dieser Idee, angefertigt ohne konkreten Auftrag, aber mit engagiertem Schwung aus Liebe zur Stadt. Das Dach würde wie ein Regal zwischen die Geschäftslokale gestellt, die Luftzirkulation wäre gewährleistet, Regen könnte abfließen und Hausfassaden blieben unbeeinträchtigt.

Zwar wäre die Hohe Straße-Galerie immer noch eine unsortierte Aneinanderreihung von Edelläden, Plundergeschäften und Leerstand, aber als eine der meistfrequentierten Straßen Deutschlands könnte sie dieses Lifting gut vertragen. Ist bei dieser Lösung Platz für ein Café? Aber ja! Bis 1980 fand man in der Hohe Straße 134b das legendäre „Campi“, das multifunktional Künstler-, Szene- und Musiklokal sowie Eisdiele in einem war – und damit eine weit über Köln hinausstrahlende Institution.

Annett Polster, Geschäftsführerin von „Stadtmarketing Köln“, geriet schon mal ins Schwärmen: „Wir brauchen solche Impulse, wenn wir zurück zu den Glanzzeiten der Hohe Straße wollen.“ Diese Worte kann man getrost auf ganz Köln übertragen. Aus leidvoller Erfahrung in und mit dieser Stadt muss man nur ergänzen: Rund wird etwas erst, wenn aus einer schönen Idee auch schöne Realität wird.

In diesem Sinne grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz