Newsletter vom 18.03.2022

„Fällt die Ukraine, fällt Europa“ –
Joschka Fischer im Gespräch

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

die Tradition Kölns als Wallfahrtsort lebt weiter. Doch diesmal sind nicht Kirchen und Heilige das Ziel der Pilger. Es sind Intellektuelle, Schriftsteller, Politiker und Künstler, die auf Einladung der lit.Cologne die Stadt am Rhein für elf Tage zum geistigen Zentrum des Landes machen. Europas größtes Literaturfestival schafft es damit, das ramponierte Image der Stadt nicht unwesentlich aufzupolieren. Der Hunger nach Austausch, nach Orientierung und Gespräch ist groß, das zeigt schon der Auftakt zu den rund 180 Veranstaltungen, unter anderem mit Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah.

Auch das Festival, das schon in den letzten Jahren viel von früher unbeschwert-verspielter Leichtigkeit verloren hatte (oder an Ernsthaftigkeit gewonnen, um es positiver zu formuklieren), blendet in diesem Jahr die hässliche Welt außerhalb der Literatur nicht aus. Im Gegenteil: Schon die spontan in kürzester Zeit organisierte Eröffnung war eine Solidaritätsveranstaltung mit der Ukraine. Politisch, hochkarätig besetzt, würdevoll. Die schreckliche Realität wird also nicht ausgeblendet, sondern als Anlass für gründliches öffentliches Nachdenken genutzt.

Ein Höhepunkt in dieser Zeit war der Auftritt des früheren Außenministers Joschka Fischer, inzwischen zum international gefragten Elder Statesman gereift. Vor der mit 800 Plätzen ausverkauften Flora analysierte er im Gespräch mit mir den Krieg in Europas Osten. „Es geht Putin nicht um die Ukraine“, so Fischer, „es geht um viel mehr, es geht um die gesamte europäische Ordnung.“ Wladimir Putins Feindbild sei das freiheitliche, demokratische Modell, sein Ziel sei die Vorherrschaft in Europa. „Russland will wieder Weltmacht sein auf Augenhöhe mit den USA und China.“ Das Baltikum, Moldawien, Georgien, auch Polen und Finnland sieht er konkret bedroht. In der Vorbereitung auf unsere Veranstaltung hatte ich gesehen, dass Joschka Fischer schon früh vor der Entwicklung gewarnt hatte, die jetzt wie prophezeit eingetreten ist („Fällt die Ukraine, fällt Europa“). Aber der ehemalige deutsche Chef-Diplomat, der im Auswärtigen Amt nach wie vor einen beachtlichen Respekt genießt, verzichtete auf peinliche Rechthaberei – auch das ein Zeichen von Alters-Souveränität.

Joschka Fischer
Foto: Ast/Juergens, lit.Cologne

Inzwischen kaum noch erstaunlich, dass ein ehemaliger Spitzen-Grüner wie Fischer die Wurzeln zur pazifistischen Vergangenheit komplett gekappt hat. Er war einer der Ersten in seiner Partei, die für einen höheren Wehretat, eine Stärkung der NATO und enge militärische Zusammenarbeit in Europa geworben hat – gegen heftige Widerstände. Inzwischen fühlt er sich von der Entwicklung bestätigt. Gegenüber Russland plädiert er für Härte, für schmerzhafte Sanktionen, für Waffenhilfe. Gleichzeitig müsse aber alles vermieden werden, was zu einer unmittelbaren militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der NATO führe – dazu gehöre, keine Flugverbotszone über der Westukraine zu verhängen.

Putins Denken (Fischer: „Das sind die Kategorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, also Militär und Territorium“) sei allerdings genau das Gegenteil von dem, was angesichts der eigentlichen Herausforderung dringend geboten sei: Gemeinsames Handeln der Menschheit im Angesicht des Klimawandels. In seinem jüngsten Buch „Zeitenbruch“ hat er das Dilemma beschrieben, das durch die rohe Machtpolitik Putins, aber auch durch das Streben Chinas, Hegemonialmacht zu werden, besteht: „Auf Staatsegoismus gründende Machtpolitik und planetare Verantwortung gehen nicht zusammen.“ Erstmals in der Menschheitsgeschichte sei ein existentielles Risiko nur durch Kooperation, gemeinschaftliches, entschlossenes Handeln zu bewältigen. Das Erschreckende: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend, da Wissenschaftler übereinstimmend danach Kipp-Punkte sehen, die die Klimakrise unbeherrschbar machten.

Ist er optimistisch, dass es gelingt, die Menschheits-bedrohende Katastrophe abzuwenden? Langes Schweigen, dann die Antwort: „Haben wir denn eine Alternative dazu, es wenigstens mit aller Kraft zu versuchen?“

In diesem Sinne grüßt Sie nachdenklich, doch herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz