Newsletter vom 29.10.2021

Achtung: Die Gendersternchen kommen – Martin Börschel geht

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freund*innen des Kölner Presseclubs,

es ist nun wirklich mal an der Zeit, eine Lanze für die Kölner Stadtverwaltung zu brechen. Na gut, in puncto Sauberkeit, Sicherheit, Verkehr und etlichen anderen Feldern ist noch sehr viel Luft nach oben. Aber untätig? Nein, das ist die Verwaltung mit ihren rund 20.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen (neu: Mitarbeitende) absolut nicht. So hat sie  beispielsweise einen „Leitfaden für wertschätzende Kommunikation bei der Stadt Köln“ erarbeitet. Der schreibt auf 56 Seiten detailgenau eine neue Amtssprache mit Gendersternchen und Binnen-I vor. Somit spielt Köln zwar nicht im Fußball, aber in der Disziplin Gendergerechtigkeit ab sofort in der Champions League – Donnerwetter! Da überstrahlt doch das Gendersternchen hell alle Schmuddel-Ecken, alle gravierenden Defizite der städtischen Infrastruktur. Das rechtfertigt auch den selbstbewussten Stolz, wie er in Henriette Rekers Vorwort zum Ausdruck kommt: „In unserer täglichen Arbeit sind wir Expert*innen.“ Ja, die Oberbürgermeisterin hat in ihrer eindrucksvollen Bilanz der Symbolpolitik einen weiteren wichtigen Baustein hinzugefügt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist Diskriminierung unverzeihlich und gegen Gedankenlosigkeit im sprachlichen Umgang muss vorgegangen werden. Aber dass man künftig z.B. auf kölsche Weisheiten wie „Jeder Jeck ist anders“ (spricht nur Männer, nicht aber Frauen und Diverse an) oder den Begriff „Fußgänger“ (neu: Zufußgehende) verzichten muss, ist gewöhnungsbedürftig. Was wird dann zum Beispiel aus der Fußgängerzone? Bevor man jedoch beim Blick auf durch die Verwaltung ausgelöste Umsetzungsprobleme in Ratlosigkeit versinkt, sollte man da nachfragen, wo es jenseits des hektischen Alltags Orientierung gibt: Bei der Philosophie.

Gerade hat sich die Philosophin Svenja Flaßpöhler Gedanken zur neuen deutschen Empfindsamkeit gemacht. Mit ihr habe ich über sprachliche Sensibilität, Gendergerechtigkeit, Identitätspolitik  und Toleranz gesprochen. Natürlich, sagt sie, ist menschheitsgeschichtlich Sensibilität ein großartiger Fortschritt: „Menschen schützen sich gegenseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für fremde Gefühle und Bedürfnisse.“ Doch diese Entwicklung habe eine Kehrseite: Die Gesellschaft werde durch Aufteilung in immer mehr Gruppen und Grüppchen, die alle gesondert angesprochen und behandelt werden wollten, zersplittert, das Gemeinsame wird zerstört. Zu dieser Entwicklung trägt, so habe ich es verstanden, Sprache und Sprachgebrauch bei. Drastischer hat es der österreichische Philosoph Robert Pfaller ausgedrückt: „Diese Spracheingriffe sind durchweg dilettantisch und lassen sich in den meisten Fällen weder schreiben noch sprechen.“ Nun müssen Stadtverwaltung und Oberbürgermeisterin lernen, dass sie nicht nur für ihre Versäumnisse, sondern gelegentlich auch für ihren tatkräftigen Eifer kritisiert werden. Aber vielleicht findet die Stadt ja auch andere Wege, ihren Bürgerinnen und Bürgern gegenüber Wertschätzung zu zeigen. Dazu braucht sie nicht einmal die Nachhilfestunden bei Philosophen!

Rat brauchen allerdings die beiden ehemaligen Volksparteien. Prof. Manfred Güllner und sein Meinungsforschungsinstitut Forsa messen aktuell nur noch 20 Prozent für die Union und 25 für die SPD – magere Werte. Interessant ist das vergleichsweise große Vertrauen in Olaf Scholz (53 von 100 möglichen Punkten), aber dramatisch schlechte Werte für alle anderen Spitzengenossen. Schlusslicht ist die Vorsitzende Saskia Esken (21 Punkte), die in ihrer Unbeliebtheit nur noch von der AfD-Fraktionschefin Alice Weidel überboten wird. Lediglich Generalsekretär Lars Klingbeil und der Kölner Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach können bei den Wählerinnen und Wählern bestehen – Lauterbach kommt immerhin auf 40 von 100 Punkten. Ob es für eine mögliche Kanzlerpartei reicht, dass nur eine einzige Führungspersönlichkeit mehrheitlich Vertrauen genießt, das muss sich noch zeigen.

Und da wir gerade bei der SPD sind: Martin Börschel tritt zur Landtagswahl im Mai kommenden Jahres nicht mehr an. Mit seinem Namen (und dem seines Alter Ego Jochen Ott) verbindet sich die Wiederauferstehung der Kölner SPD nach den Skandalen um die Jahrtausendwende. Börschel und Ott waren es, die nach Insidergeschäften und Müllaffäre die Partei konsequent aus der Existenzkrise geführt und einen Neuanfang geschafft haben. Den klugen Strategen Martin Börschel, der bis weit in bürgerliche Kreise hinein geschätzt und geachtet wurde, verließ dann 2018 sein politischer Instinkt, als er auf den neu geschaffenen und gutdotierten Posten eines hauptamtlichen Geschäftsführers des Stadtwerke-Konzerns wechseln wollte. Als Folge der öffentlichen Kritik am Hinterzimmer-Deal legte Börschel seine Kölner Ämter nieder, blieb aber als einer der kenntnisreichsten und bestvernetzten Akteure aktiv. Der Rückzug aus dem Landtag kommt jetzt zu einem Zeitpunkt, wo die Sozialdemokratie einen leichten Aufwind verspürt. Da scheint bei dem gelernten Rechtsanwalt entweder der Wunsch nach einem politikfernen Leben übergroß. Oder er hat eine attraktivere Alternative. Vielleicht auch von beidem etwas. Wir werden es demnächst erfahren.

In diesem Sinne grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz