NEWSLETTER 14.11.2025
Köln zwischen Volksbühne und Volksoper? Warum die Stadt ihr Publikum neu finden muss
Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
etwas Bemerkenswertes geschieht in Köln: Die „gute alte Zeit“ erlebt ein Comeback. Retro-Formate boomen, alte Marken und Figuren werden wiederentdeckt und mir wurde es besonders deutlich in der Volksbühne am Rudolfplatz. „Endlich wieder lachen“, das Stück über Kölns Kultfigur Willy Millowitsch, war in kürzester Zeit ausverkauft. Im Herbst 2026 folgt bereits die Fortsetzung. Warum trifft gerade Nostalgie den Nerv der Stadt?
Genau darüber habe ich mit Prof. Hans-Georg Bögner, Vorsitzender des Bundes Deutscher Volksbühnen und der Freien Volksbühne Köln gesprochen. Für ihn ist der Erfolg ein Symptom unserer verunsicherten Gegenwart. „Wir erleben wieder Angst vor dem Krieg – nicht irgendwo, sondern vor unserer Haustür“, sagt er. „Da wächst das Bedürfnis nach einem geordneten Gestern. Nostalgie spendet Trost.“
Köln weiß das seit Langem. Als das Millowitsch-Theater 1945 nach dem Krieg wiedereröffnete, brachte es ein Stück Normalität in eine zerstörte Stadt. Adenauer bat damals: „Bringen Sie die Leute wieder zum Lachen.“
Heute, sagt Bögner, haben wir dieses gemeinsame Lachen verloren. „. Die Gesellschaft hat sich in ein Korsett der Empfindlichkeiten gezwängt. Wir wissen kaum noch, worüber wir überhaupt lachen dürfen.“ Ein Satz aus dem Stück fasst das treffend zusammen: Gott fragt Millowitsch: „Fällt es dir schwer, abzutreten?“ – „Nein, Komödie ist schwieriger.“ Dieser Moment erinnert daran, dass gute Unterhaltung ihre größte Kraft entfaltet, wenn sie Menschen verbindet.
Während die Volksbühne mit ihren Stücken Nähe schafft, entsteht am Offenbachplatz ein Haus, das für viele Kölnerinnen und Kölner Distanz symbolisiert: die Oper. „Wir geben rund 1,5 Milliarden Euro für die Sanierung des Komplexes aus und wissen doch, dass höchstens fünf Prozent der Stadtgesellschaft jemals dort Platz nehmen werden.“ stellt Bögner fest. Hoffnung setzt er in den neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester, der im Wahlkampf versprochen hat, die Oper zu einem Ort für alle zu machen. Doch wie soll eine Oper „für alle“ sein?, frage ich mich. Vielleicht wurde sie nie wirklich für „alle“ Kölner saniert, sondern vor allem für Kulturreisende, die von Inszenierung zu Inszenierung ziehen. Das wird sich ab 2026 zeigen, wohin die Reise geht.
Bögners Kritik zielt aber auch auf die Verantwortlichen. Er fordert eine Kulturpolitik, die auch das fördert, was Menschen wirklich sehen wollen: „Humor, Geschichten, Persönlichkeiten. Kein Wunder, dass Produktionen wie Millowitsch, Himmel & Kölle oder das Divertissementchen sofort ausverkauft sind.“
Eine andere Perspektive bringt Thomas Höft ein. Er ist Kölner Opernlibrettist und Regisseur, arbeitet derzeit als Dramaturg an der Wiener Volksoper. Höft kennt noch Kölns Glanzzeiten unter Intendant Michael Hampe, eine Phase, in der die Oper Köln für Wagemut, Präzision und echte Publikumsnähe stand. Er plädiert dafür, Hemmschwellen abzubauen. Es gehe ihm nicht darum, das Niveau zu senken, sondern „die Tür weiter aufzumachen“, mit Formaten, die Menschen hineinholen, und einem Programm, das überrascht, berührt und zugleich künstlerische Exzellenz zeigt. Oper könne „die Grenzen zum Musical und zur Show überschreiten“, wie Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin es vorgemacht habe. Wir sollten uns, sagt Höft, nicht in künstliche Gegensätze treiben lassen „Anspruch und Verständlichkeit schließen sich nicht aus.“ Genau das könne Köln mit dem neuen Intendanten wieder schaffen, ist er sicher.
Volksoper und Volksbühne? Könnte das für Köln funktionieren? „Wenn die Oper sich nicht öffnet, dann muss die Stadt neue Orte schaffen, an denen Kultur für alle möglich bleibt.“ Sagt Bögner. Deshalb plant und arbeitet er seit Jahren daran, die Aachener Straße zum „Broadway am Rhein“ zu machen. Ein lebendiger Theaterdistrikt, in dem sich Volksbühne, Bauturm, Theater der Keller, Kasalla und neue Bühnenformen begegnen. „Vor zehn Jahren gab es hier nur zwei Häuser. Heute haben wir dort eine ganze Szene. Jetzt braucht es nur noch ein gemeinsames Marketingkonzept, um sie sichtbar zu machen.“
Als ich die Gespräche und den Nostalgietrend Revue passieren ließ, kam mir ein Satz in den Sinn, der oft zitiert wird: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“ Was wir heute für unruhig oder auch unvollkommen halten, wird im Rückblick oft zur vertrauten, warmen Erinnerung. Sie entsteht an den Orten, die wir heute pflegen, gestalten oder auch verlieren. Damit sind wir mitten im Thema unseres nächsten Presseclubs: am 19. November 2025 diskutieren wir unter dem Titel „Angst-Räume in Köln“. Einzelheiten finden Sie in der Einladung.
Ich freue mich auf Sie
Ihre Claudia Hessel