NEWSLETTER 29.08.2025

Warum Zuversicht ein notwendiges Grundgefühl ist und Köln darauf wartet, von einer charismatischen Person entdeckt zu werden

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

als ich jüngst über Land fuhr, stellte sich unerwartet ein Gefühl bei mir ein, von dem derzeit häufig in Analysen, Leitartikeln oder gar Predigten die Rede ist: Ich wurde zuversichtlich. Das geschah trotz der permanent präsenten Krisen. Es war ein angenehmes, wärmendes Gefühl und hatte einen einfachen Grund. Auf jedem der Wahlplakate, die die abgelegene Landstraße säumten, blickten mich Frauen und Männer an, die sich für ihre Stadt oder ihre Gemeinde engagieren, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das Gros tut das ehrenamtlich. Diese Phalanx freundlicher und offener Gesichter schob das Bild beiseite, das mich bis dahin plagte. Es zeigt Donald Trump, der auf einem roten Teppich Wladimir Putin vertraut die Hand tätschelt.

Menschen verspüren Zuversicht, wenn sie gestalten können und ihre „Selbstwirksamkeit“ erleben, erklärt der Tiefenpsychologe Jens Lönneker, Geschäftsführer des Kölner „Rheingold Salon“. Auch dieses Wort hat Konjunktur und lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu. Es umschreibt das Bedürfnis, sich nicht ausgeliefert zu fühlen, sondern vielmehr handlungsfähig zu sein. Selbstwirksam fühlt eine Mehrheit sich aber nur noch im Privaten. Diese Menschen ziehen sich aus dem öffentlichen Bereich zurück und überlassen ihn anderen, hat Lönneker herausgefunden. Ein Raum für Populisten?

Die Grundgefühle, von denen ich hier schreibe, sind mittlerweile für den Bestand unserer Demokratie so wichtig geworden, dass „Rheingold Salon“, die deutsche Presse-Agentur (dpa) und die Initiative 18 ein Projekt „Zuversicht“ aufgelegt haben. Sie setzen es u.a. mit regionalen Medien um, die ihrerseits als Garanten für Demokratie gelten, denn sie berichten sachlich, erklären und bringen Licht ins Dunkel. Wo Zeitungen fehlen, blüht die Vereinfachung. Ohne kritische Presse gibt es weniger Kontrolle, verbreitet sich Desinformation leichter.

Gehen wir mit Zuversicht in den Wahlkampf für den Kölner Rat und das Oberbürgermeisteramt? Da ist noch Luft nach oben, würde der Stadtplaner Dr. Johannes Novy, Professor an der „University of Westminster’s School of Architecture and Cities“ sagen. Novy ist Kölner und gleichzeitig Weltbürger. Die Debatte um einen Kölner Louvre löste in ihm den Wunsch aus, eine Politikerin oder ein Politiker „vom Format einer Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin der Seine-Metropole“, möge sich seiner Heimatstadt annehmen.

Warum? Hidalgo steht für eine entschlossene Politik. Nicht nur für eine radikale Verkehrswende, sondern z.B. auch für eine Offensive im sozialen Wohnungsbau, einen Ausbau der Kitastruktur, für Begrünungsinitiativen und nicht zuletzt die erfolgreiche Ausrichtung der Olympischen Spiele 2024. Mit ihr, die Medien wie Time Magazine und Financial Times in ihre Toprankings aufnahmen, verbindet Novy einen klaren Kompass, Kompetenz, Konsequenz und Konfliktbereitschaft. Alles Eigenschaften, die auch dieser Stadt guttun würden, und von denen er hofft, sie im Kandidatenfeld noch zu erkennen.

Ist Köln nicht eine verlorene Stadt, angesichts der Dauerkrise, die die Stadt seit Jahren fest im Griff zu haben scheint? Man hört das immer wieder. „Dieses Narrativ der Unveränderbarkeit ist bequem – und falsch“, schreibt Novy. Eine Wende ist möglich. „Das beweisen nicht nur Wuppertal mit seinen Herausforderungen als Stadt im postindustriellen Wandel (Utopiastadt), sondern auch internationale Beispiele: das kolumbianische Medellín etwa, einst Synonym für Gewalt und institutionellen Zerfall, hat sich binnen zwei Jahrzehnten zum Vorbild integrativer und innovativer Stadtentwicklung gewandelt. Und in Portugal gelang es Ricardo Rio, die verschlafene Erzbischofsstadt Braga in einem Jahrzehnt in den Bereichen Mobilität, Digitalisierung und Kultur zu einem international anerkannten Modell nachhaltiger Stadtentwicklung zu machen – eine Leistung, die ihm 2022 den Titel „Weltbürgermeister für Nachhaltigkeit“ einbrachte.

Seine Beispiele seien nicht frei von Schattenseiten und Widersprüchen, räumt Novy ein. Dennoch zeigten sie, dass kluge, zukunftsgewandte Politik, die etwas bewegt, möglich sei – unabhängig von parteipolitischen Zugehörigkeiten.  Sie entstehe, wo Menschen durch entschlossenes – mitunter auch unpopuläres – Handeln Verantwortung übernehmen und Mut zu Visionen mit Management- sowie Umsetzungskompetenz verbinden.

Köln wartet darauf. Noch mangelt es an großen Ideen ebenso wie an schlichtem Handwerk. Die Idee des Kölner Louvre des früheren Wallraf-Chefs Andreas Blühm ist nichts anderes als eine Einladung, neu und anders zu denken. Warum ist das in jeder Hinsicht erfolgreichste Museum der Stadt, das Schokoladenmuseum, in privater Hand? Und warum ist ein Publikumsmagnet wie das römisch-germanische Museum de facto dauerhaft geschlossen? Köln schreibt zurzeit seine eigene Krise mit bürokratischer Sorgfalt fort.

Johannes Novy formuliert es positiv: Diese Stadt verfügt über ein außergewöhnliches Potenzial. Als wirtschaftliches Kraftzentrum mit fast 2000-jähriger Geschichte im Herzen Europas, als Medienhauptstadt mit pulsierender Kulturszene, als Universitätsstandort mit engagierter Bürgerschaft – Köln hat das Zeug zur Metropole, die Standards setzt. Seinen Essay lesen Sie hier. Dort finden Sie auch weitere Betrachtungen zu Stadtentwicklung im Allgemeinen und Köln im Speziellen.

Johannes Novy schließt nachdenklich. Trotz aller Klagen über den Zustand Kölns lasse der „eher schleppende Wahlkampf“ nur bedingt erkennen, dass in der Stadt echtes Interesse an Wandel bestehe. „Bring- und Holschuld gehen hier Hand in Hand: Wer Wandel will, sollte die Kandidat:innen nicht an Allgemeinplätzen und Phrasen messen, sondern ihn einfordern – und, wo immer möglich, selbst mit anpacken, damit aus Worten Taten werden.“

Fassen wir uns also auch an die eigene Nase. Das kann nie schaden. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes, spätsommerliches Wochenende,

Ihr

Peter Pauls