NEWSLETTER 21.11.2025
Über Nostalgie als Geschäftsmodell,
Wut und Hass im Netz
und den Preis des Geizes
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
Nostalgie ist kein Geschäftsmodell. Das lernen derzeit die traditionellen, die analogen Medien. Wer sich heute zur Lektüre der FAZ oder seiner Regionalzeitung bekennt, wer regelmäßig die Programme im (privaten wie öffentlichen) Rundfunk nutzt, macht damit keine Aussage über seine Gewohnheiten. Es ist eine Altersangabe. Das sind – leider – keine Hypothesen mehr, es ist wissenschaftlich vielfach belegt. Die Aufmerksamkeit und damit die Zukunft gehört den Digitalen Medien, gehört den großen amerikanischen Plattformen von Elon Musk und Mark Zuckerberg, gehört Facebook, Instagram, TikTok und Co. Für unsere Freiheit, für eine offene Gesellschaft ist das gefährlich.
Denn längst entscheiden die Algorithmen der Tech-Konzerne, was wir über die Welt erfahren, was wir sehen und lesen – und was nicht. Die Plattformen müssen sich – anders als Verlage und Rundfunk – nicht ernsthaft verantworten für die Inhalte, vor allem legen sie die Kriterien nicht offen, nach denen sie auswählen und priorisieren. Seit sie fest an der Seite des US-Präsidenten Donald Trump stehen, folgen sie auch einer eigenen politischen Agenda, wie Elon Musks offene Parteinahme für die AfD zeigt.
Wohl niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte gab es eine solche Konzentration von straff gebündelter Macht, wirtschaftlicher, politischer und kommunikativer. Macht, die weder transparent noch kontrolliert ist. Und anders als die traditionellen Medien können sich die Digitalen Medien dem Presserecht und anderen sinnvollen Auflagen entziehen.
Freier Zugang zu belastbarer Information, zu faktenbasierten Nachrichten aber sind Voraussetzung für Demokratie, für eine freie, selbstbestimmte Gesellschaft. Genau die ist in Gefahr, wie die renommierte Max-Planck-Gesellschaft konstatiert und mit ihren Studien belegt. Denn die Plattformen transportieren vorrangig Gefühle, ihre Programmierung schürt Wut, Hass und Misstrauen, kurz: das Gift für jede Gemeinschaft. Sie belohnen in der Währung Aufmerksamkeit alles, was die gute Kinderstube verbietet, was spaltet und hetzt.
Inzwischen vertraut eine große Zahl von Menschen mehr den trüben Quellen des Internets, während sie staatlichen Stellen oder herkömmlichen Medien mit fundamentaler Skepsis begegnet.
Gibt es nicht unendlich viele Möglichkeiten, sich solide im Netz zu informieren? Gibt es nicht vertrauenswürdige Adressen im World Wide Web? Ja, sagt der Medienwissenschaftler Prof. Martin Andree von der Uni Köln. Aber die spielen kaum noch eine Rolle, und diese Entwicklung beschleunigt sich. Das zeigt der „Atlas der digitalen Welt“, mit dem sein Team erstmals die reale Nutzung des Internet-Angebots vermessen haben. Bekannte Medienmarken wie Spiegel, Tagesschau oder selbst Bild sind letztlich Angebote aus der Nische, allenfalls mäßig relevant – von FAZ, Süddeutscher oder Regionalzeitungen ganz zu schweigen. „Wir verlieren unsere digitale Öffentlichkeit“, diagnostiziert Andree. Die öffentliche Meinungsbildung finde im Netz statt, „sie ist die zentrale Arena. Es entsteht eine völlig inakzeptable und verfassungswidrige Bündelung von Meinungsmacht“, betont er gegenüber dem Kölner Presseclub. Außerdem verlören die redaktionellen Medien ihre Finanzierungsgrundlage und würden von den Tech-Firmen wie Google oder Meta, dem Konzern Mark Zuckerbergs, abhängig.
Die „Monopolisierung der Meinungsmacht“ in der digitalen Welt hat die zentralen Säulen freier Medien längst ausgehebelt, ihre Unabhängigkeit, ihre Anbietervielfalt und den Anteil journalistischer Inhalte: Unter solchen Bedingungen können wir nicht mehr von freien Märkten sprechen. Auch die nötige Staatsferne sieht er dadurch gefährdet, dass die Eigner der Digitalmonopole politisch den engen Schulterschluss mit Donald Trump suchten. Zusätzlich beobachtet Martin Andree in seiner Forschung den Trend beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), dass es zu einer zunehmenden Entwertung journalistischer Inhalte und Desinformation kommt.
Eigentlich wäre das Monopol der Tech-Oligarchen zu brechen. Auch die Bundespost war mal ein Monopol. Aber die schützende Hand des US-Präsidenten über seine Oligarchen verhindert das. Seine angekündigte Reaktion auf ein Beschneiden der Macht der Tech-Konzerne: Steuern rauf für Importe aus Deutschland und der EU. Auf die Weise werden noch nicht einmal die hier gemachten Gewinne von Google, Apple und Amazon fair besteuert.
Was als großes und kostenloses Freiheitsversprechen begonnen hat, droht jetzt zur teuren Falle zu werden. Das scheinbare Gratis-Angebot mit Information und Unterhaltung im Internet hat eben doch einen Preis. Geiz ist geil, hieß es vor Jahren. Aber manchmal kommt die Rechnung später- und dann wird’s teuer.
Ganz analog und aus erster Hand informieren, das können Sie sich bei den Veranstaltungen des Kölner Presseclubs. Zum Beispiel am 3. Dezember, wo wir im Gespräch mit Prof. Michael Hüther, dem Chef des renommierten Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die wirtschaftliche, aber auch soziale und politische Lage erörtern. Also: Keine Fake News, sondern belastbare Informationen von einem der führenden Ökonomen Deutschlands.
In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,
Ihr
Michael Hirz