NEWSLETTER 06.02.2026
Über neue Erkenntnisse zum Kölner Domschatz-Raub, welche Rolle Geheimagent 111 spielte und warum es 50 Jahre später immer noch Sicherheitslücken gibt
Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
reden wir über den großen Reichtum unserer Stadt. Köln ist reich an Kunstschätzen von kaum messbarem Wert. Doch wie gut sind sie gesichert? Könnte sich ein krimineller Coup wie im Pariser Louvre hier wiederholen, wäre ein dreister Einbruch wie in das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst heute zu verhindern? Und würden Einbrecher wie vor 50 Jahren ungehindert in die Domschatzkammer gelangen?
Ein Rückblick auf den spektakulären Raub der Kölner Dom-Preziosen und darauf, wie er aufflog: Am 17. Juni 1976 wird auf der Nationalstraße 3, 20 Kilometer vor Zürich, ein Mercedes 200 mit dem Kennzeichen F-DL 306 nach einem Auffahrunfall von der Polizei untersucht. Hinter der Türverkleidung finden die Beamten Teile einer Monstranz, Edelsteine und eingeschmolzenes Gold – die Beute aus der Domschatzkammer. Die beiden Männer im Mercedes gestehen die Tat; der dritte Komplize wird kurz darauf in Mailand gefasst.
Was die drei nicht wussten – und was lange geheim gehalten wurde: Der Auffahrunfall war fingiert. Eine Falle, detailliert konzipiert von dem Undercover-Agenten Werner Mauss, beim BKA unter der Nummer 111 geführt. Erst jetzt, 50 Jahre später, bringen Recherchen neue Einzelheiten zu seiner Rolle ans Licht.
Der Kölner Journalist und frühere Spiegel-Redakteur Georg Bönisch war als junger Reporter für die Kölnische Rundschau am Tatort in der Domschatzkammer. Schon damals deckte er Versäumnisse der Behörden auf. Der Fall ließ ihn nie los. Für einen kürzlich erschienenen FAZ-Beitrag sprach er erstmals mit Werner Mauss über dessen Einsatz.
Haben sich daraus neue Erkenntnisse zum größte Kunstraub in Kölns Geschichte ergeben, frage ich Georg Bönisch. In Details ja, sagt er. Denn bislang sei nicht bekannt gewesen, „wie Mauss genau vorging, wie er sich selbst als international agierenden Großkriminellen Jacques inszenierte, um in die Kreise der Domräuber vorzudringen“. Mit größter Raffinesse habe es der Geheimagent geschafft, „das Misstrauen der gesuchten Täter aufzuweichen und sie aus der Deckung zu locken“. So habe er ihnen etwa den Auftrag erteilt, angeblich gestohlene Kunstwerke aus rheinischen Museen ins Ausland zu transportieren. Um glaubwürdig zu wirken, operierte Mauss sogar mit echten Gemälden, als Leihgaben für einen ungewöhnlichen Zweck.
Am Ende bekam Köln seine Schätze zurück, vor allem den größten Teil der Dom-Juwelen. Doch gibt es einen nachhaltigen Lerneffekt aus diesem Fall? Einbruchsgelegenheiten während Baumaßnahmen – damals am Kölner Dom, zuletzt im Louvre – gehören bis heute zu den größten Schwachstellen der Sicherheitssysteme.
Der Deutsche Museumsbund hat nach jüngsten Fällen gemeinsam mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Sicherungsrichtlinien für Museen (VdS 3511) grundlegend überarbeitet. Im Mittelpunkt stehen eine gründliche Risikoanalyse sowie die Verzahnung technischer und organisatorischer Maßnahmen.
Was heißt das konkret? Darüber habe ich mit Torsten Cech, Sprecher für Sicherheit im Museumsbund gesprochen. „Sicherheit ist ein dauerhafter Prozess, der immer wieder überprüft und angepasst werden muss“, erläutert mir der Experte. Das sei umso wichtiger, je besser Kriminelle informiert seien. Längst zeigten Internet-Tutorials, wie etwa Bewegungsmelder zu umgehen sind.
Ob diese Sicherheitsrichtlinien in der Praxis jedoch überall umsetzbar und finanzierbar sind, ist eine andere Frage. Ein heikles Thema. Gespräche in rheinischen Museumskreisen zeigen: Zwar gebe es dank moderner Technik im Prinzip eine „gute Außenhautsicherung“, doch es fehle oft an Personal für „engmaschige Kontrollen“. Letztlich ist es eine Kostenfrage und beim Einsatz von Videokameras auch eine des Datenschutzes. „In Ländern wie Norwegen, Großbritannien oder den USA sind Exponate teils deutlich besser bewacht“, so Cech.
Die Kölner Stadtverwaltung äußert sich auf meine Anfrage hin zurückhaltend zur konkreten Sicherheitslage. Aus „sicherheitsrelevanten Gründen“ könne man nicht ins Detail gehen. Grundsätzlich aber biete die Richtlinie VdS 3511 „eine große Unterstützung bei der wiederholten Überprüfung der Museen auf potenzielle Sicherheitslücken und deren Behebung“.
Die Geschichte des Domschatzraubes ist damit noch nicht zu Ende. Für Georg Bönisch bleibt auch nach 50 Jahren eine zentrale Frage offen: Wie gelang es den Tätern, die Alarmanlage zu umgehen? Bönisch ist überzeugt: „Es muss ein Tippgeber beteiligt gewesen sein, der wusste, wie die Technik funktionierte.“ Warum dieser Verdacht damals versandete, bleibt eines der letzten ungelösten Rätsel dieses Kunstraub-Thrillers.
Vielleicht gibt es auch dazu eines Tages neue Erkenntnisse.
Herzlichst
Ihre
Cordula von Wysocki