NEWSLETTER 13.02.2026

Willkommen in Köln und als Entrée für Touristen steht ein Plastik-Klo. Über den respektlosen Umgang mit dem Stadtraum

 

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

jetzt, zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag, ist Köln eine Ausnahmestadt. Dann wimmelt es von Jecken und von mobilen Toiletten. Batterien von Dixi-Klos, improvisierte Sanitärlösungen, doppelte Reihen an nahezu jeder Ecke: hässlich, ja. Aber in diesen Tagen notwendig. Problematisch wird es dort, wo der Ausnahmezustand zum Alltag wird.

Denn wer außerhalb der Session, ganz nüchtern und ohne Pappnase, mit dem Reise- oder Fernbus in Köln ankommt, steigt an der Gereonstraße aus und steht vor einem provisorischen Toilettenhäuschen aus Sperrholz.

Als mir davon kürzlich aus dem kirchlichen Umfeld berichtet wurde, war ich dort und konnte es kaum glauben. Das fünf Jahre alte WC-Provisorium wirkt, als habe man den Punkt „Sanitäres“ möglichst schnell abhaken wollen, ohne Rücksicht auf Umgebung, Wirkung oder Bedeutung dieses Stadtraums. Seit 2020 entsteht hier der Eindruck, die Stadt überlasse diesen Ort sich selbst und dem Plastik-Klo.

„Abartig und zum Fremdschämen“, beschreibt Dom- und Stadtdechant Robert Kleine mir gegenüber die Situation. Er spricht immer noch von einem „traurigen Entrée für eine Weltstadt“. Eine harte Formulierung und zugleich eine treffende Beschreibung dessen, was viele Ankommende hier erleben. Im Kölner Erzbistum herrscht Einigkeit: Dieser Zustand sollte endlich beendet oder zumindest professionell gelöst werden.  Zu den Kritikern zählt auch Kardinal Rainer Maria Woelki. Seit Jahren stört ihn, dass die provisorischen Toiletten in unmittelbarer Nähe des Edith-Stein-Denkmals liegen, welches an die von den Nationalsozialisten ermordete Ordensfrau erinnert.

Ähnlich deutlich äußert sich im Gespräch Dr. Ulrich Soénius, Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, der das vergammelte Konstrukt als Zumutung empfindet. Sein Büro liegt unmittelbar gegenüber des provisorischen „Entrées“. „Dieses Toilettenhäuschen wirkt wie ein Fremdkörper in einem architektonisch hochwertigen Ensemble und ist keine Visitenkarte für Köln“, sagt er. Und er präzisiert: „Das ist kein beliebiger Stadtraum. Wir befinden uns hier in einem historisch, kirchlich und städtebaulich hoch aufgeladenen Umfeld.“ Denkmalschutz, so seine Einordnung, beziehe sich eben nicht nur auf einzelne Gebäude, sondern auch auf Wirkung, Blickachsen und Atmosphäre – kurz: auf das Ganze.

Nur wenige Meter vom Sperrholz-WC entfernt steht ein Gebäudekomplex, der seit 1992 unter Denkmalschutz steht: das Erzbischöfliche Priesterseminar an der Gereonstraße/Kardinal-Frings-Straße. Ende der 1950er Jahre errichtet, wurde es in den vergangenen Jahren aufwendig saniert – in enger Abstimmung mit dem Stadtkonservator. Fassaden, Fenster, Materialien, Farbkonzepte: Jedes Detail wurde geprüft und genehmigt.  Drinnen wurde also mit großer Sorgfalt und erheblichem finanziellem Aufwand gearbeitet, um Substanz und Würde des denkmalgeschützten Ensembles zu bewahren. Draußen steht ein Sperrholz-Toilettenhäuschen, flankiert von wartenden Reisebussen. Dieser Gegensatz ist kaum zu vermitteln. Warum gilt der Anspruch des Denkmalschutzes nicht auch für den Stadtraum, den die Stadt selbst verantwortet? Genau hier liegt der Widerspruch, der viele Menschen zunehmend irritiert.

Der Haltepunkt an der Gereonstraße ist dabei keineswegs zufällig entstanden. Die Verlegung des Reisebusverkehrs weg von der Komödienstraße in Domnähe wurde damals mit dem Schutz dieser sensiblen Zone begründet: weniger Verkehr, mehr Ruhe rund um das Weltkulturerbe.

Wenn Köln seine Gäste empfängt, müsse das würdevoller und städtebaulich überzeugender gestaltet werden, fordert Dr. Ulrich Soénius. Zugleich betont er, dass er sich über die vielen Touristen freut, die in die Stadt kommen – auch wenn zeitweise bis zu 14 Busse gleichzeitig an der Gereonstraße stehen. Ein zusätzlicher Halteplatz könnte den Ansturm entzerren, schlägt er vor. Doch über mögliche Standorte wird seit Jahren diskutiert, ohne Ergebnis. Bleibt das Busterminal an dieser Stelle, braucht es zumindest moderne Toilettenanlagen im Umfeld und eine konsequente Kontrolle der Haltezeiten. Offiziell sind es 15 Minuten, faktisch überprüft wird das kaum. Alles wirkt wie eine Übergangslösung ohne Ablaufdatum. „Das Problem ist nicht nur das Provisorium allein“, sagt Soénius, „sondern, dass niemand mehr definiert, wann es endet.“

Auch aus der Wirtschaft kommt Kritik. Mit der Rückkehr der IHK an den Börsenplatz wächst die Erwartung an ein Umfeld, das dem Standort gerecht wird. Dr. Uwe Vetterlein, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, sagt: „Der Straßenzug vom Börsenplatz bis zur Gereonskirche zeigt den planlosen Umgang der Stadt mit wertvollem Stadtraum. Abgepollerte Parkplätze, die Bushaltestelle mit Klohäuschen vor dem Sitz des Erzbischofs und ungenutzte Verkehrsflächen machen den mangelnden Gestaltungswillen sichtbar. Dabei liegen längst umsetzbare Vorschläge für alternative Haltepunkte vor – die Stadt müsste sie nur einfach realisieren.“

Gerade an Orten des Ankommens entscheidet sich, welchen Anspruch Köln an sich selbst hat. Liebe Stadt, wenn nach Aschermittwoch die Dixis vom Karneval abgeräumt werden – bitte, nehmt das an der Gereonstraße gleich mit. Köln darf sich ruhig ein stilvolleres „Willkommen“ leisten. Schließlich haben Reisebusse längst eigene Toiletten an Bord. Warum also lassen wir mitten im Herzen der Stadt ein dauerhaftes Provisorium stehen? Ein bisschen weniger Plastik-Klo, ein bisschen mehr Würde – das wäre doch ein schöner Vorsatz für die Fastenzeit.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre
Claudia Hessel