NEWSLETTER 06.03.2026
Wie der Abschied von der gewohnten Kölnischen Rundschau die publizistische DNA der Stadt verändert und wann die Gratiskultur hier Einzug hielt
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
die Emotionen kochen hoch. Die Kölnische Rundschau (KR), wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Der Titel bleibt – wird aber ab 1. April vom früheren Konkurrenten, dem Kölner Stadt-Anzeiger, gestaltet. Diese Nachricht hat mich kalt erwischt, als ich nach einer längeren Reise zurückkehrte. Es ist nicht allein der Wegfall von Arbeitsplätzen und die Frage vieler Journalistinnen und Journalisten, ob oder wie es für sie weitergeht. Es ist ein Einschnitt in die publizistische DNA dieser Stadt.
Mehr als 40 Jahre habe ich für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet, viele Jahre davon als Chefredakteur. Die Kölnische Rundschau war für uns ein Konkurrent auf Augenhöhe. Wettbewerber um die aktuelle Geschichte, das bessere Foto, die andere Haltung. Ihre Auflage lag deutlich unter unserer. Doch journalistische Konkurrenz bemisst sich nicht in Zahlen, sondern in Nachrichten, Geschichten, Schlagzeilen, in Anerkennung und Selbstverständnis. Mein erster Blick am Morgen galt seinerzeit nicht der eigenen Titelseite. Die kannte ich bereits. Ebenso die des EXPRESS. Aber was hatte die Rundschau und was hatten wir nicht?
Unvergessen der Tag, als ich in der Konkurrenz aus der Stolkgasse – dort sitzt die KR-Redaktion – lesen musste, dass die U-Bahn der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), die den Dom unterquert, diesen zum Wackeln bringe. Zähneknirschend mussten wir „nachziehen“, wie man bei solchen Geschichten sagt. Das ist inzwischen mehr als 13 Jahre her. Die Welt hat sich weitergedreht und nicht zugunsten gedruckter regionaler Medien oder überhaupt der verfassten Medienwelt, wie wir sie kennen.
Um im Printbereich zu bleiben: Weltweit verschwinden regionale Titel vom Markt. In den USA kämpfen große Häuser in Chicago, Los Angeles, Boston oder der Hauptstadt um ihre Zukunft. Die The Washington Post, ein Blatt von internationalem Rang, steht wirtschaftlich unter massivem Druck. Wenn solche Institutionen wanken, ahnt man, wie fragil das Fundament geworden ist.
Auch bei uns in Köln und in ganz Deutschland erleben wir einen tiefgreifenden Wandel. RTL Deutschland baut hunderte Stellen ab. Zeitungshäuser schrumpfen im Norden wie im Süden der Republik. Redaktionen werden zusammengelegt, Verbünde gebildet. Und die öffentlich-rechtlichen Sender, also etwa ARD und ZDF, sehen sich zunehmender politischer und gesellschaftlicher De-Legitimierung ausgesetzt.
Wer aber wird uns künftig verlässlich mit Nachrichten versorgen? Was das Internet zum Nulltarif anbietet, ist häufig von Interessen Dritter geprägt. Nachrichten zu erstellen, kostet Geld. Niemand verschenkt solche Arbeit ohne Absicht. Der Konflikt um Ukraine und Iran in all seinen Facetten zeigt, wie komplex und vielschichtig das Geschehen ist. Und es ist immer wieder irritierend zu lesen, was interessengeleitete Akteure auf ihren Plattformen beisteuern.
Was hat das mit der Kölnischen Rundschau zu tun? Nachrichten und Kommentare im Lokalen und Regionalen zu recherchieren, ist besonders anspruchsvoll. Hier gibt es keine Agenturen oder Syndikate, die im Alltag einspringen. Hier muss nachgeprüft, besprochen und fotografiert werden. Lokale Leserinnen und Leser sind kritisch, weil sie nah dran sind und Fehler erkennen. Es geht um ihre Welt, wie sie sie kennen. Kein Wunder also, dass diese Berichte nicht zum Nulltarif zu haben sind. Anders gesagt: Wer Zeitungen lesen will – gedruckt oder als E-Paper –, muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Und wer im Netz lautstark über die Kölner Entwicklungen urteilt, darf sich fragen, ob er oder sie selbst etwas zum Erhalt dieser Medienwelt beiträgt.
Gleichzeitig sollten wir nüchtern bleiben, denn der Wandel ist global. Digitale Plattformen haben die Werbemärkte verändert. Aufmerksamkeit ist fragmentiert, Zahlungsbereitschaft begrenzt. Wer heute eine Redaktion finanzieren will, braucht neue Modelle, neue Ideen, neue Bündnisse. Der jetzige Moment ist deshalb nicht nur ein schmerzlicher Abschied, sondern auch ein weiterer Weckruf: für Verlage, neue Wege zu gehen; für die Politik, faire Rahmenbedingungen zu schaffen; und für uns alle, zu entscheiden, welchen Journalismus wir uns leisten wollen – und welchen nicht. Pauschale Boykottaufrufe oder einfache Schuldzuweisungen helfen nicht weiter.
Zwei Randnotizen mögen das unterstreichen. Der Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) richtete mahnende Worte an die Kölner Zeitungshäuser. Daran ist nichts falsch, auch wenn sie angesichts des langfristigen Trends wohlfeil wirken. Zur Wahrheit gehört auch, dass die SPD selbst in Köln zur Jahrtausendwende der medialen Gratiskultur buchstäblich die Stadttore öffnete. Der norwegische Schibsted-Konzern wurde eingeladen, sein Blatt „20 Minuten“ am Rhein zu verteilen. Zudem gewährten die Kölner Verkehrsbetriebe dem neuen Angebot exklusiven Zugang zu Bahnsteigen sowie zu Bahnen und Bussen. Gewinner kannte dieser Zeitungskrieg am Ende nicht.
Als mein früherer Arbeitgeber seine eigene Druckerei auf drastische Weise schloss, wie viele andere Häuser in dieser Republik auch, riefen manche zum Boykott der Kölner Zeitungen auf, als sei eine Zeitung ein Gut, das unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen existiert. An der Spitze der Bewegung fand man Musikgruppen wie Paveier oder Brings, die mit ihren Liedern zum kulturellen Inventar der Stadt gehören. Ihrer Sache haben sie kaum gedient. Welcher Betrieb, der unter Druck steht, wird durch Boykott-Aufrufe stabiler?
Die Krokodilstränen einer Gesellschaft, die Informationen zum Nulltarif konsumieren möchte, ändern am tiefgreifenden Umbruch nichts. Und bevor wieder Boykotteritis ausbricht: vorher über ein Zeitungsabo nachdenken. Es kann ja digital sein.
Herzlich grüßt
Ihr
Peter Pauls