NEWSLETTER 12.06.2026
Vom Zürcher Modell zur Kölner Realität: Die offenen Fragen hinter Kölns neuer Suchthilfe
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
vor einem Jahr war der Kölner Neumarkt zum Symbol einer überforderten Stadt geworden: offene Drogenszene, Verwahrlosung, Angst, Rauschgifthandel, Hilflosigkeit. Das sogenannte „Zürcher Modell“ galt vielen damals als große Verheißung. Die Hoffnung war: Wenn Zürich offene Drogenszenen zurückdrängen konnte, müsste Köln das doch auch schaffen. Ein Jahr später ist klar: Köln kopiert Zürich nicht. Köln entwickelt ein eigenes Modell. Und genau darin liegt das Risiko.
Der Rat hat im Mai den Bau eines neuen Suchthilfezentrums am Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße beschlossen. Dort sollen schwerstabhängige Menschen künftig sicher konsumieren können, Beratung bekommen, medizinisch versorgt werden, schlafen, sich aufhalten und Hilfe finden. Die Baukosten liegen bei rund 8,72 Millionen Euro, die jährlichen Betriebskosten bei etwa zehn Millionen Euro. Nach aktueller Planung soll das Zentrum Mitte 2027 starten.
Das ist ein wichtiger Schritt. Aber noch keine Lösung für den Alltag rund um den Neumarkt. Denn bis dahin verändert der Ratsbeschluss keinen Hauseingang, keinen Schulweg, keinen Abend in dem Viertel. Der bestehende Konsumraum läuft weiter, die Szene bleibt. Die Stadt hat inzwischen reagiert. Der sogenannte „Kümmerer“ vor Ort ist neu platziert, auch Polizei, Ordnungsamt und KVB sind sichtbarer. Das zeigt offenbar Wirkung. Der Platz wirkt im Moment entspannter. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der Kümmerer ist ein Tagesangebot an Werktagen. Abends, nachts und am Wochenende löst er die Probleme nicht. Und wenn sich die Szene – wie jetzt zu beobachten – allmählich Richtung Friesenplatz, Rudolfplatz, Appellhofplatz oder in Nebenstraßen verlagert, ist sie nicht verschwunden. Sie ist dann nur woanders.
Ich habe dazu mit Andreas Zittlau gesprochen, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Pantaleonsviertel. Er vertritt das Wohnviertel, in dem das neue Suchthilfezentrum entstehen soll. Den Vorwurf, die Bewohner dort wollten Suchthilfe nur nicht vor der eigenen Haustür, weist er zurück. „Irgendwo muss Suchthilfe stattfinden“, sagt er. Aber Köln brauche ein tragfähiges Konzept und müsse die Nachbarschaft einbinden. Genau das vermisst er: „Es gibt keine echte Studie, keine Einschätzung, wie das aussehen wird. Das ist ein reines Experiment.“
Seine Kritik führt zum Kern der Debatte: Was Köln plant, wird oft mit Zürich begründet, folgt aber in entscheidenden Punkten einer anderen Logik. Das „Zürcher Modell“ beruht nicht allein auf Hilfe. Es verbindet niedrigschwellige Angebote mit klaren Regeln im öffentlichen Raum und einer lokalen Begrenzung der Zielgruppe. Zürich betreibt mehrere dezentrale Kontakt- und Anlaufstellen mit gestaffelten Öffnungszeiten. Die Szene soll sich nicht dauerhaft an einem Ort festsetzen. Außerhalb der Einrichtungen gilt im öffentlichen Raum Null-Toleranz. Wer nicht aus Zürich kommt, wird weggeschickt. Eine generelle Öffnung für Auswärtige lehnt die Stadt ausdrücklich ab, weil sie eine Sogwirkung befürchtet und andere Gemeinden in der Pflicht sieht.
Köln plant anders: bislang einen zentralen Standort, ein sehr weitreichendes Angebot und einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Eine klare Antwort darauf, wie das Umfeld dauerhaft geschützt werden soll, gibt es noch nicht. Auch eine erkennbare Begrenzung auf Menschen mit Wohnsitz in Köln ist bislang nicht vorgesehen. Damit wächst die Sorge, dass Köln zum zentralen Anlaufpunkt für schwerstabhängige Menschen wird und die Kosten weitgehend allein trägt. „Das ist nicht das Zürcher Modell“, kritisiert Zittlau. „Das ist das Gegenteil davon.“
Damit stellt sich auch die Kostenfrage. Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester begründete im vergangenen Jahr die Grundsteuererhöhung unter anderem mit dem neuen Suchthilfezentrum. Zittlau sieht darin eine Frage der Akzeptanz: Die Grundsteuer trifft Eigentümer – und über die Nebenkosten auch Mieter. Umso klarer müsse Köln erklären, wer das Angebot nutzen soll, wie das Umfeld geschützt wird und ob die Stadt am Ende auch Aufgaben für das Umland mitfinanziert.
Schwierig bleibt die Frage des Mikrohandels. Viele Schwerstabhängige kommen nicht ohne Drogen aus. Gleichzeitig bleibt der Handel verboten. Diese Grauzone hat Sozialdezernent Harald Rau beim neuen Konsumraum in Kalk klar benannt. Direkt gegenüber dem Eingang steht ein kleines schwarzes Zelt, wo der Mikrohandel stattfindet. Polizeipräsident Johannes Hermanns nennt das eine „absurde Ausgangssituation“: Wer legal konsumieren soll, kann die dafür nötigen Drogen nicht legal erwerben. Köln kann dieses Problem rechtlich aber nicht allein lösen. Aber Köln muss sagen, wie es damit umgehen will.
Zugleich verändert Crack die Szene. „Der Crackkonsum läuft anders ab als bei Heroin, mehr auf der Straße und schneller“, sagt Zittlau. Genau deshalb zweifelt er daran, dass ein neues Zentrum die Szene einfach nach drinnen verlagert. Ein Teil der Abhängigen werde weiter draußen bleiben – dort, wo Menschen wohnen, Kinder zur Schule gehen oder spielen und Hauseingänge frei bleiben müssen.
Selbst Zürich zeigt inzwischen, wie schnell sich die Lage verschieben kann: In einem zentralen Park hat sich mittlerweile eine offene Crack-Szene gebildet. Die Polizei behandelt das Gebiet inzwischen als Brennpunkt und hat ihre Präsenz erhöht. Auch eine erfahrene Stadt kämpft also damit, dass Crack schneller, sichtbarer und schwerer zu steuern ist als frühere Drogenszenen. Das ist kein Argument gegen Suchthilfe. Aber es ist ein Warnhinweis gegen die Vorstellung, ein großes Zentrum löse ein komplexes Problem automatisch, meint Zittlau.
Prof. Dr. Michael Schaub, Suchtexperte aus Zürich und Direktor des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung, hatte bei unserer ersten Neumarkt-Veranstaltung im vergangenen Jahr einen Satz gesagt, der heute noch wichtiger wirkt als damals: Suchthilfe kostet. Sie kostet Geld. Sie kostet Personal. Und sie kostet Akzeptanz.
Genau diese Akzeptanz ist in Köln die eigentliche Währung. Sie entsteht nicht dadurch, dass ein Konzept „Zürcher Modell oder Kölner Modell“ genannt wird. Sie entsteht, wenn Menschen sehen, dass Regeln gelten, Zuständigkeiten klar sind, der öffentliche Raum geschützt wird und Hilfe nicht zur dauerhaften Verwaltung einer Szene wird, sondern zu einer spürbaren Verbesserung für alle.
Am Neumarkt formiert sich deshalb eine Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG). Eigentümer, Handel und Institutionen wollen Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen. Der Neumarkt und seine Umgebung brauchen jetzt ein funktionierendes Platzmanagement: Licht, Sauberkeit, klare Ansprechpartner, abgestimmte Präsenz, verlässliche Reaktionen auf Beschwerden, bessere Erdgeschosszonen – und eine Stadt, die nicht nur punktuell handelt, sondern dauerhaft steuert.
Genau darüber diskutieren wir am Mittwoch, 24. Juni 2026, unter dem Titel: „Neumarkt. Ein Jahr danach.“ Mit einem Impulsvortrag von NRW-Innenminister Herbert Reul „Innere Sicherheit in Großstädten – warum öffentliche Räume Vertrauen brauchen“ und einem Podiumsgespräch mit Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns, Beigeordnetem Andree Haack, ISG-Vertreter Daniel Schild und Stadtmarketing-Geschäftsführerin Annett Polster. Ort: Kreissparkasse Köln an Neumarkt
Anmeldung bitte unter: info@koelner-presseclub.de
Ich freue mich auf den Abend mit Ihnen.
Mit herzlichen Grüßen
Claudia Hessel