NEWSLETTER 26.06.2026
Wie Köln zur Drehscheibe für die Ukraine-Hilfe wurde. Und Jochen Ott auf Mission: Impossible?
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
diesmal möchte ich Sie nach Köln-Raderberg mitnehmen. Eine Lagerhalle an der Marktstraße. Das Büro von Linda Mai, der Chefin der Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz, liegt im Anbau, erster Stock. Wir haben uns gerade hingesetzt, da summt ihr Mobiltelefon: Ein Lieferant kann 500 tragbare Benzingeneratoren für die Ukraine beschaffen. Bis Freitag sind sie da, wenn Mai den Auftrag bis 12 Uhr bestätigt. Sie gibt ihr OK. 500 blaue Generatorenkoffer, je 19,5 Kilo schwer, werden auf den Weg gebracht. Sie reichen, um eine Schulklasse oder einen Schutzraum mit Licht zu versorgen. 18.002 Generatoren hat das Blau-Gelbe Kreuz bisher in die Ukraine gebracht, von Kleingeräten bis hin zu größeren Anlagen für die Notstromversorgung von Krankenhäusern. Ganz große Aggregate sind auf Lkw montiert. „So schwer wie ein Panzer“, meint Linda Mai.
Neben Generatoren zeigt Linda Mai mir in der Halle gefüllte Schultornister. Babypflege-Sets. Und Rettungsrucksäcke. Jeder kostet 1000 Euro und kann fünf Menschenleben retten. Jedes Inhaltsstück zeigt indirekt ein Detail des Grauens in ausgebombten ukrainischen Wohnvierteln: Tourniquets, um zerfetzte Gliedmaßen abzubinden. Betäubungsmittel. Spezialauflagen, die verhindern, dass die Lunge zusammenfällt, wenn Bombensplittern den Brustkorb perforiert haben. Sonst würde das Opfer ersticken. Und Linda Mai erklärt mir ein Hilfsmittel, das wie ein Sitzgurt aussieht. Jeder fünfte aus Trümmern geborgene Verletzte hat einen Hüftbruch. Der Gurt stabilisiert die Hüfte.
6.862 Rettungsrucksäcke haben Linda Mai und ihr Team seit dem russischen Überfall vom 24. Februar 2022 in die Ukraine gebracht. 5.831 Krankenhausbetten, 2.549 Babyboxen. Vor der Halle stehen gespendete Rettungswagen und Feuerwehrautos. 855 Fahrzeuge hat das Blau-Gelbe Kreuz schon in die Ukraine überführt. Allein 2026 gab es 142 Fahrten mit 40-Tonnen-Lkw voller Hilfsgüter Richtung Ukraine.
Wir sprechen über den Kölner Arzt Detlef Gysan, Linda Mais 2023 verstorbenen Mann. Mit ihm hat sie, eine Apothekerin mit ukrainischen Wurzeln, 2014 die Hilfsorganisation gegründet. Nach der russischen Okkupation der Krim und von Teilen des Donbass. Detlef Gysan stammte aus der DDR, hatte dort in politischer Haft gesessen. „An ihm“, sagt Linda Mai, „habe ich immer bewundert, wie ein junger Mensch in einer Diktatur so ein Bewusstsein für Demokratie entwickeln kann. Ich war politisch passiv, damals, als Schülerin in der Sowjetunion.“
Seit einem knappen Jahr ist Linda Mai ukrainische Honorarkonsulin in Köln. Um den Monatswechsel ist sie von einem Besuch mit OB Torsten Burmester aus der Kölner Partnerstadt Dnipro zurückgekehrt. Am Abend nach unserem Gespräch wird sie sich auf einer Veranstaltung über Krieg und Frieden äußern. Ob sie jemals Urlaub macht, frage ich. „Andere machen Yoga“, antwortet Linda Mai, „und ich fahre. Ich bin wahrscheinlich die einzige Honorarkonsulin, die dauernd am Lenker sitzt. Das ist meine Entspannung.“ Freitags hin, sonntags zurück. Alle Fahrer arbeiten ehrenamtlich. Der älteste ist 86, ein Unternehmer aus Charkiw. „Valerij lenkt alles, was Räder hat, außer Flugzeugen“, erzählt Mai. „Und es geht ihm nie schnell genug.“
Dreimal war Linda Mai in diesem Jahr schon in Dnipro. Das erste Mal im Winter, bei minus 24 Grad. „Es schneite, und es regnete Bomben.“ Das Wasser in den Leitungen war eingefroren, weil es keinen Strom für die Pumpen gab. Allenfalls eine oder zwei Stunden am Tag blieben zum Kochen und Handy-Aufladen. Der nächste Besuch: Ankunft am 25. April, während des seit dem Vorabend laufenden 20-Stunden-Angriffs. „Bevor wir von der Autobahn aus Häuser sahen, sahen wir schon Brände. Als wir in die Stadt kamen, gab es etwas Skurriles: ein Markt in den Trümmern. Menschen kauften Obst und Gemüse.“ Mauern und Fenster könnten brechen, meint Linda Mai: „Aber die Menschen sind ungebrochen.“
Ich frage mich, ob ich so eine Widerstandskraft hätte. Die russischen Angreifer, aber auch viele westliche Beobachter verstehen nach Mais Einschätzung nicht, was in der Ukraine in den 35 Jahren nach dem Ende der Sowjetunion entstanden ist. „Welches Bewusstsein für Freiheit und Demokratie. Und für das gemeinsame Land, ob nun die Muttersprache Ukrainisch ist, Russisch oder Ungarisch.“ Deshalb demonstrierten Menschen mitten im Krieg für eine bessere Korruptionsbekämpfung. Und deshalb hielten sie durch. Wie der Chefarzt einer Kinderklinik, der nach einem Schlaganfall auf seine Reha verzichtet. Seine Oberärztin war bei einem Bombenangriff schwer verletzt worden. „Ich hatte nur einen Schlaganfall, sagte er mir. Und meine Patienten brauchen mich.“ Man spreche viel über Ukrainer, die sich dem Kriegsdienst entziehen wollten. „Aber es sind auch Zehntausende aus dem Ausland zurückgekehrt, um ihr Land zu verteidigen.“
Was wird aus diesem Land? Von einer Zeitspanne bis zum Winter hat Präsident Wolodymyr Selenskyj gesprochen. Er hofft, dass Russland dann unter dem Druck ukrainischer Gegenangriffe auf Raffinerien, Rüstungsfabriken und Kriegslogistik zu Verhandlungen bereit ist. „Frieden“, sagt Linda Mai, „Frieden kann nur heißen: Befreiung aller besetzten Gebiete. Reparationen. Und ein Tribunal für die Kriegsverbrecher.“ Fast alle heimgekehrten Kriegsgefangenen seien in russischem Gewahrsam gefoltert worden, bis zu zwölf Stunden an einem Stück. „Wir müssen das aufarbeiten. Wir müssen da durch. Russland muss diesen Krieg verlieren.“
Aber was heißt das? Ich erwähne eine Umfrage des Kiyv International Institute of Sociology: 61 Prozent der Ukrainer sind bereit, eine Waffenruhe mit Einfrieren der Front hinzunehmen. Das weiß Linda Mai. Richtig ist jedoch auch: Die 61 Prozent würden nur zustimmen, wenn es Sicherheitsgarantien gibt.
Linda Mai fasst es so zusammen: „Keiner glaubt den Russen.“ Eine internationale Truppe müsse im Land stationiert werden. Dann würden Firmen investieren, dann kämen Flüchtlinge zurück: „Ich kenne viele, die nur darauf warten.“ In Deutschland ausgebildete junge Leute könnten den Aufbau „großartig unterstützen“ – einen Aufbau, der längst begonnen habe. Sie erzählt von einem Elektriker, der im Krieg beide Beine verloren hat. Er kann nicht mehr auf Masten klettern, aber er kann arbeiten. Ein Gabelstaplerfahrer, der eine Hand verloren hat, wartet auf das Zertifikat, dass er entsprechend umgebaute Stapler steuern darf.
Köln ist durch das Blau-Gelbe Kreuz eines der größten Zentren der Hilfe für die Ukraine in Deutschland geworden. Beim jüngsten Burmester-Besuch brachte die Organisation für die Stadt Köln elf gebrauchte Rettungswagen nach Dnipro. „Mir war die Zahl gar nicht aufgefallen“, erzählt Linda Mai. Aber einer der Fahrer stand vor ihr und sagte: „Was für eine schöne kölsche Zahl.“
Themawechsel: Die Ukrainer würden sich eine Lage herbeiwünschen, in der einfach regulär gewählt werden könnte – wie im kommenden Jahr in NRW. Trotzdem ist die Aufgabe nicht zu verachten, die sich SPD-Spitzenkandidat Jochen Ott gestellt hat: In Umfragen vom April liegt seine Landespartei bei 14 bis 18 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Hendrik Wüst bei 32 bis 34. Mission: Impossible? Das gefalle ihm gut, hat Ott mir und meiner ehemaligen Rundschau-Redaktion im Februar gesagt, denn Ethan Hunt gewinne immer. „Kampf um die Macht in NRW“, darüber spricht Jochen Ott mit Peter Pauls im Kölner Presseclub am kommenden Mittwoch, 1. Juli. Veranstaltungsort: Excelsior Hotel Ernst, Trankgasse 1–5. Beginn 19.30 Uhr. Voranmeldung erforderlich unter info@koelner-presseclub.de.
Und noch etwas: Kaum ein Newsletter hat ein solches Echo gefunden wie Peter Pauls’ Stück zur Kölner Verkehrspolitik. Moblitätsdezernent Ascan Egerer hat sofort geantwortet und eine Lösung für den Trankgassen-Tunnel angekündigt: Die Stadt werde „in Kürze wieder zwei Fahrstreifen zum besseren Ablauf einrichten (wir nehmen dafür den Radfahrstreifen wieder weg)“. Mission: Impossible? Am Domhügel geht also doch etwas.
Herzlich grüßt Ihr
Raimund Neuß