NEWSLETTER 07.08.2026

Reise ins „Biotop für Bekloppte“ — Über Bücher, die Kölns Seele widerspiegeln, unentdeckte Romanstoffe und die schönste Liebesgeschichte

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

neulich, an einem dieser warmen, hellen Sommerabende, saß ich auf dem Balkon und schaute auf den langsam dahinfließenden Rhein. Ich dachte über Urlaubslektüre nach. Wenn Touristen in Italien mit Donna Leon unterwegs sind und Frankreichreisende Bannalec-Krimis im Gepäck haben – was lesen dann eigentlich Kölner, die daheimbleiben? In welchen Büchern ist die rheinische Seele zu Hause? Und welche Schriftsteller haben sie verstanden?

Darüber will ich mit Husch Josten sprechen, die aus tiefstem Herzen Kölnerin und Schriftstellerin ist und gerade in Südfrankreich an ihrem neuen Roman arbeitet. Wir verabreden uns zu einem Telefongespräch bei einem Glas Wein. Die Sonne ist fast untergegangen. Auf der Terrasse in Frankreich steht ein Rosé aus der Provence, ich habe sizilianischen Vermentino im Glas. Wie schön, über Bücher zu reden, finden wir beide.

Natürlich will ich wissen, was Husch Josten gerade liest, bevor wir uns Köln literarisch nähern. Sie hat unter anderem die neue Ingeborg-Bachmann-Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ von Andrea Stoll dabei und die frechen Kurzgeschichten „Alle freuen sich“ von A. L. Kennedy. Tatsächlich aber bleibe nur wenig Zeit zum Lesen in diesem Sommer, sagt sie, das Schreiben nehme großen Raum ein. „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“ hieß der zuletzt erschienene Roman von Husch Josten – „ein Requiem und eine Feier des Lebens, traurig, lebensklug und von einem Humor, wie es ihn wohl nur in Köln gibt“, rezensierte die FAZ.

Was ist eigentlich typisch Köln? Wenn die Stadt eine Person wäre, frage ich Husch Josten, also etwa eine Hauptfigur in einem Roman, wie wäre ihr Charakter? „Sehr unkompliziert, wenig verbindlich, pragmatisch, mit einem bodenständigen Humor, absolut unorthodox und mit einer Neigung zu ungewöhnlichen Lösungen.“ Wir reden darüber, wer diesen Charakter besonders gut erkannt hat. Husch Josten fällt sofort Dieter Wellershoff ein. Seine Werke gehören für die Autorin zu den wichtigsten Büchern, in denen die Stadt eine Rolle spielt. „Pan und die Engel“, sagt sie, sei eine Liebeserklärung an Köln.

1990 erschien diese Textsammlung des 2018 verstorbenen Autors mit Spaziergängen durch die Südstadt, Geschichten aus dem Römerpark, vom Eierplätzchen und den Menschen, die dort leben. Die Seele Kölns findet Husch Josten auch in Werken des Nobelpreisträgers und Ehrenbürgers Heinrich Böll wieder. Denn Böll, sagt sie, habe die Widersprüche dieser Stadt nie weggeschrieben, sondern geliebt.

Einen besonderen Blick auf Köln hat für Husch Josten der Autor und Kolumnist Alexander Estis. 1986 in Moskau geboren und in Hamburg aufgewachsen, kam er im Rahmen eines Veedelsschreiber-Stipendiums nach Kalk. Dort entstand 2022 das Buch „Das Rondell – Geschichten von Menschen auf Kölner Straßen, in dem Estis die Lebenslinien von Drogenabhängigen, Obdachlosen und Sozialarbeitern aufzeichnet, die sich alle am Rondell vor einem Kalker Supermarkt treffen. Estis, findet Husch Josten, „ist ein hervorragender Autor“.

„Ganz eigene Geschichten aus dieser Stadt“, so Husch Josten, erzählen auch die „hochpoetischen Liedtexte“ von Wolfgang Niedecken. Überhaupt die Lieder. Auf der Suche nach der schönsten Kölner Liebesgeschichte reicht kein Roman an „Ming eetste Fründin“ von den Bläck Fööss heran. „Da ist alles drin“, findet die Schriftstellerin, „die ganze Romanze inklusive Realitätscheck und Liebeskummer.“ Welches Buch würde sie Freunden empfehlen, die zum ersten Mal nach Köln kommen und die Stadt verstehen wollen? Da nennt Husch Josten an erster Stelle das „Biotop für Bekloppte“ von Jürgen Becker und Martin Stankowski. „Es ist nicht einfach, diese Mentalität zu erklären, aber den Autoren gelingt das mit einem milden, gütigen Blick, der nicht schönmalerisch ist. Sie haben eine sehr originelle Sicht auf Köln.“ Ihre Empfehlung für daheimgebliebene Kölner, die das Fernweh packt? Der Reisebericht „Basar auf Schienen“ von Paul Theroux, ein Klassiker aus dem Jahr 1975. „Eine wunderbare Eisenbahntour von London über den Balkan bis nach Fernost und zurück über Sibirien nach Europa. Sehr britisch, sehr witzig.“

Zurück an den Rhein. Gibt es eigentlich einen Teil von Köln, der dringend einmal in einem Roman vorkommen sollte? „Der Straßenzug Trankgasse-Komödienstraße“, antwortet die Autorin. „Das ist doch unglaublich, dass sich dort im Schatten des Doms wie in einer Nussschale eine ganze Stadt wiederfindet. Auf engstem Raum Luxushotel und Fastfood, Klerus und Souvenirhandel… Das ist unbedingt ein Buch wert.“ Ein Kölner Ereignis, das literarisch verarbeitet werden sollte? 1945 und die ersten Schritte zum Wiederaufbau der Stadt sieht Husch Josten als großen Romanstoff. „Wie bewältigten die Menschen den Alltag in den Trümmern, wie sahen die ersten Pläne aus, die Innenstadt wieder bewohnbar zu machen, wer arbeitete daran und mit welchen Ideen? Da gibt es viele Geschichten zu erzählen.“

Es dämmert schon in Südfrankreich und am Rhein, und ich habe noch so viele Fragen. Gibt es – außer Köln natürlich – Orte, in die man sich aufgrund einer literarischen Beschreibung verlieben kann? Mit „Montauk“ ist es Husch Josten so gegangen. Sie las die Erzählung von Max Frisch und wollte den Ort auf Long Island kennenlernen. Sie reiste auch nach Connecticut, um das Landhaus von Philip Roth zu sehen, und nach Sils-Maria im Engadin auf den Spuren von Thomas Mann.

Husch Josten plant nicht, einen Roman über einen Urlaubsort zu schreiben, aber wenn sie einen wählen sollte, dann wäre das Las Vegas. Las Vegas? „Ich finde es faszinierend, was dort aus dem Nichts entstanden ist – und die Geschichten der vielen traurigen Menschen, die versuchen, das Glück zu finden.“

Auf meine letzte Frage, bevor die Weingläser leer sind, kann ich keine Antwort bekommen, leider. Ich würde gerne wissen, worum es in ihrem nächsten Buch geht, das 2027 erscheint. Das müsse noch geheim bleiben, erklärt Husch Josten. Nur so viel: Es spiele wieder in Deutschland. Und ich denke, Köln wird irgendwie darin vorkommen. 

Leben und lesen Sie gut in diesem Sommer!

Ihre Cordula von Wysocki

 

 

Bildzeile zu Porträt Husch Josten

 

„Unkompliziert, wenig verbindlich, mit bodenständigem Humor und absolut unorthodox“ so wäre Köln als Person in einem Roman, sagt die Schriftstellerin Husch Josten. Foto: Audrey Bethier