NEWSLETTER 14.08.2026
„Es hat nicht so richtig gezündet“: Zum Adenauer-Jahr gab es viele Veranstaltungen – aber welches Echo haben sie gefunden?
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
Königin Luise kennen Sie doch, oder? Die früh verstorbene Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. hat gewiss ein ehrendes Andenken verdient. Auch bei einem Rheinländer wie mir, dessen Vorfahren erst von 1815 an (Luise war da schon seit fünf Jahren tot) borussofiziert wurden.
Wie schön also, dass der Programmbeirat des Bundesfinanzministeriums das Profil der ewig jungen Königin in diesem Jahr 2026 auf einer Sonderbriefmarke zeigen lässt. Das verbindet Luise mit dem SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und den beiden Hasen aus „Weißt Du eigentlich, wie lieb ich Dich hab?“. Nicht von der Liebe des Beirats erreicht wurde allerdings der Gründungskanzler der Bundesrepublik: Konrad Adenauer, am 5. Januar 1876, also vor 150 Jahren, in Köln geboren.
Ist es nur Kölner Lokalpatriotismus, dass ich gern Adenauers Bild mit gezähntem Rand auf Briefe geklebt hätte? Oder ist die philatelistische Leerstelle bezeichnend für den Umgang mit Adenauer im Jubiläumsjahr insgesamt? Das frage ich Ulrich Soénius, den Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs in Köln. „Zum 150. Geburtstag hätte man durchaus ein bisschen mehr machen können“, findet der. Nicht nur am Postschalter. Zum 100. Geburtstag vor 50 Jahren hatte die Stadt eine wissenschaftliche Festschrift über ihren langjährigen Oberbürgermeister herausgegeben. Heute: nichts dergleichen. Gibt es eine andere Form der offiziellen Würdigung?
Ich hake bei der Stadt nach. Und ja, es tut sich etwas. Am 13. Oktober wird Köln eine Adenauer-Veranstaltung ausrichten. Auf ein Grußwort von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) folgt eine Podiumsdiskussion über Adenauer und den Städtebau. Den Herbsttermin hatte die Stadt schon im Januar gegenüber der Kölnischen Rundschau in Aussicht gestellt. Begründung: Wahl und Ernennung Adenauers zum Oberbürgermeister hatten 1917 im Herbst stattgefunden (18. September, 21. Oktober). Mehr war bisher nicht bekannt, nun liegen Tag und Veranstaltungsformat fest. „Schön, dass die Stadt zu Ehren Konrad Adenauers eine Veranstaltung organisiert“, meint dazu die Kölner CDU-Chefin Serap Güler. „Ich denke, der OB, der über Parteigrenzen hinweg nach wie vor geschätzt wird und viel für unsere Stadt geleistet hat, verdient eine würdige Veranstaltung. Ich hoffe, dass dies allen Beteiligten gelingt.“
Man könnte von Adenauer eine Menge lernen: Friedrich Kießling und Ulrich Soénius über den früheren OB und Kanzler. / Foto: Universität Bonn, RWWA
Zu diesem fein abgewogenen Lob muss man wissen: Bisher war es in Köln allein Gülers CDU, die eine Festveranstaltung zu Adenauer ausgerichtet hat – im Gürzenich, mit dem Bonner Historiker Friedrich Kießling als Hauptredner und Burmester auf dem Podium.
Früher dran als die Stadtspitze war auch das Kölnische Stadtmuseum, das zum Jahresbeginn in einer Fotoausstellung das durch Adenauers Modernisierungspolitik geprägte Köln der 1920er Jahre würdigte. Das Historische Archiv der Stadt macht keine eigenen Veranstaltungen, stellt aber Archivgut zur Verfügung und hat 17 Jahre nach dem Einsturz des alten Baus an der Severinstraße eine gute Nachricht zu vermelden: Der Amtsnachlass Adenauer (Bestand 902) ist fast vollständig wieder nutzbar. Die Tourismusbüros in Köln und Bonn führen Instagram-Nutzer auf die Spuren Adenauers in der Region. Und die Kölner Universität nutzte das Adenauer-Jahr, um Bundeskanzler Friedrich Merz in die Stadt zu lotsen und mit ihm die „Adenauer School of Government“ zu eröffnen.
Von diesem Besuch abgesehen hielt sich der Bund zurück. Die zentrale Festveranstaltung im Bonner Plenarsaal war eine Angelegenheit der Konrad-Adenauer-Stiftung, Merz wurde dort nicht gesichtet. Das Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf zeigt noch bis zum 16. August eine Galerie historischer Karikaturen. Im November lädt der Landschaftsverband Rheinland zu einer Festakademie nach Bonn ein. Und im Bundestag in Berlin gab es eine öffentlich leider wenig beachtete Ausstellung. Kießling und sein Jenaer Kollege Norbert Frei haben im Herbst 2025 neue Adenauer-Biografien veröffentlicht. Soénius selbst war mit zahlreichen Medienveröffentlichungen aktiv.
Wie groß ist es heute noch, das Interesse an Adenauer? Darüber kann mir Professor Kießling einiges erzählen. Im Zusammenhang mit seinem Buch hat er bisher an rund 30 Adenauer-Veranstaltungen bundesweit teilgenommen. „Wenn ich hier im Rheinland eine Veranstaltung mache, dann ist die meistens sehr gut besucht. In anderen Teilen Deutschlands ist das deutlich schlechter. Wenn ich mal in Ostdeutschland eine Veranstaltung gemacht habe, außerhalb von Berlin, kam da kaum jemand.“ Auch beim Medieninteresse beobachtet er einen Schwerpunkt im Rheinland und überhaupt in NRW. Er bekommt auch viele kritische Anfragen – nach Adenauers Demokratieverständnis und seiner Haltung zur Emanzipation von Frauen. Und er erlebt kontroverse Debatten: „Im Bonner Haus der Geschichte gab es erhebliche Unruhe, als ich sagte, Adenauer habe sich nicht für die Wiedervereinigung interessiert. Jedenfalls nicht in der operativen Politik. Die Bonner Bürger mochten das nicht hören.“
Friedrich Kießling / Foto: Universität Bonn, RWWA
Und was haben die größeren Ausstellungen und Veranstaltungen gebracht, in Bonn, Berlin, Köln? „Es gab schon viele Veranstaltungen von unterschiedlichen Trägern“, sagt Kießling: „Es hat aber nicht so richtig gezündet.“ Es habe keine Debatten um Adenauer gegeben. „Das Adenauer-Jubiläum wurde eher pflichtschuldig wahrgenommen, wenn es überhaupt wahrgenommen worden ist.“ Es sei nicht so, „dass sich diese Republik in der Öffentlichkeit irgendwo besonders intensiv an Adenauer erinnert“.
Sollten wir uns nicht mehr mit Adenauer beschäftigen, dem Mann, für den der Programmbeirat beim Finanzministerium keine Briefmarke übrighatte? „Was mich bei der Arbeit an meinem Buch fasziniert hat, war Adenauers Politikstil“, berichtet Kießling. Ob beim Oberbürgermeister Adenauer oder beim Bundeskanzler Adenauer: „Das ist eine konzeptionell klare Politik gewesen. Er verfolgte hartnäckig Projekte.“ Auch wenn das Ergebnis nicht sicher war, auch wenn er ins Risiko ging. „Diesen klaren Politikstil würde ich in den Mittelpunkt der Erinnerung rücken. Davon können wir was lernen.“
Ganz und gar nicht einverstanden sind die beiden von mir befragten Historiker, Kießling und Soénius, mit der These, die Christoph Nonn im elften Band der großen Kölner Stadtgeschichte vertreten hat: Adenauer habe Projekte angestoßen, dann aber das Interesse verloren. Ganz im Gegenteil. Ulrich S. Soénius nennt mir ein Beispiel: „Natürlich konnte Adenauer 1919 nicht wissen, dass er 1929 die Mülheimer Brücke einweihen würde. Genauso wenig, wie wir heute das Wissen des Jahres 2040 haben können. Aber Adenauer hatte von Anfang an einen klaren Plan. Der lautete, Köln zur Wirtschaftsmetropole zu machen.“ So eine Konzeption habe Köln in den letzten Jahren gefehlt. „Unter OB Burmester gibt es Bewegung.“ Klare Ansagen würden gebraucht, ein „Wird gemacht“ oder „Wird nicht gemacht“, kein „Geschwurbel“ wie bei der Ost-West-Achse.
Die Bonner Tagung im Herbst wird dem „kommunalen Demokraten“ Adenauer gelten, dessen Wirken auch in Kießlings Buch ausführlich zur Sprache kommt. Davon abgesehen zieht Soénius eine ernüchternde Bilanz: „Der kommunale Demokrat Adenauer ist ein bisschen aus dem Blickfeld gerutscht.“ Dabei könne man von ihm noch etwas lernen, das heute in Köln sehr aktuell sei: „Das Führen mit wechselnden Mehrheiten. Adenauer hat es bis zur Eleganz entwickelt.“
Vielleicht geht von den Veranstaltungen im Herbst ein Impuls in diese Richtung aus. In diesem Sinne grüßt Sie sehr herzlich
Ihr Raimund Neuß