NEWSLETTER 28.08.2026
Vom Wettlauf der Metropolen, einer gedanklichen Frischzellenkur und der Chance für Torsten Burmester
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
manchmal habe ich den Eindruck, hinter der stolz zur Schau getragenen Selbstüberschätzung Kölns verbirgt sich in Wirklichkeit mangelnde Veränderungsbereitschaft. Eine mehr als 20.000 Stellen umfassende Stadtverwaltung und eine oft unambitionierte Stadtpolitik stehen eben nicht für Dynamik auf der Höhe der Zeit. Schließlich kann man auch schlampige Untätigkeit zu lässigem Charme und weltstädtischer Nonchalance umetikettieren. Aber nur eine Zeitlang. Irgendwann führt Unordnung und Planlosigkeit zum Chaos und kleinkarierte Korrekturen im Detail helfen nicht weiter. Dann wird man nicht nur im Wettlauf der Metropolen abgehängt, dann versinkt eine Stadt in Bedeutungslosigkeit. Dann braucht es den großen Wurf, die kühne Vision.
Womit wir bei Paul Böhm und seiner Idee „Neue Mitte Köln“ wären. Schon vor Jahren inspirierte der Architekt mit einem städteplanerischen Entwurf, der sich nicht im Gestrüpp des Klein-Kleins verhedderte, nicht in der panischen Korrektur akuter Mängel. Kurz: Vision statt Fatalismus. Böhm denkt Köln neu, denkt Köln groß, sowohl in Räumen als auch Zeithorizonten.
Der zentrale Gedanke dabei ist die Verlegung des Hauptbahnhofs, also des überregionalen Fernverkehrs, ins Rechtsrheinische. Für den historischen Kern der Stadt wäre das eine epochale Chance: Die Bahnhofshalle könnte zum Kultur- und Marktplatz umgestaltet werden. Die Hohenzollernbrücke wäre dann eine begrünte Parkbrücke, die den Fußgängern und Radfahrern überlassen werden könnte, neue Quartiere und ein durchgängiges sogenanntes Parkband wären möglich, also ein grünes Wegenetz dort, wo innerstädtisch Gleise abgebaut werden und somit Freiflächen entstehen. Das wäre eine Vitalisierung des Stadtlebens, ökologisch und sozial ein Quantensprung.
Inzwischen ist das Projekt fortgeschritten. Ein Gespräch mit Paul Böhm ersetzt eine gedankliche Frischzellenkur. Denn auch wenn seine Idee einer revolutionären Umgestaltung der Stadt etwas Phantastisches hat, Böhm ist kein Träumer, sondern ein Visionär mit Bodenhaftung. Vielleicht wird man das, wenn man aus einer Dynastie von Kirchen-Baumeistern stammt, die in anderen Zeitdimensionen denken. Mich zumindest überzeugt der Entwurf – nicht weil ich naiv wäre, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Zeit der provisorischen Flickschusterei ein Ende haben muss.
Denn so utopisch sich sein großer Plan anhört, seine Realisierung muss es nicht sein. Schließlich kommt die Bahn nicht umhin, ihren überaus problematischen Knotenpunkt Köln zu sanieren, der bislang bundesweit für Verspätungen sorgt. Da der Hauptbahnhof wegen seiner Lage im Zentrum und wegen des Nadelöhrs Hohenzollernbrücke nicht gut an das internationale Bahnnetz angeschlossen ist, hätte eine Verlagerung des Fernverkehrs eine heilende Wirkung – für die Stadt wie für die Deutsche Bahn.
Auch gibt es zunehmend namhafte Unterstützer für diesen städtebaulichen Befreiungsschlag. Der vor Jahren gegründete Verein „Neue Mitte Köln“ (nmk.koeln) ist rührig und im September stellt das Rheingold Institut eine tiefenpsychologische Studie vor, die die Akzeptanz in der Kölner Bevölkerung für einen solchen Plan auslotet. Böhm, der nicht nur mit seinem Ehrenfelder Moscheebau einschlägige Erfahrung gesammelt hat, weiß, dass man bei so einer Operation am offenen Herzen einer Stadt die Menschen mitnehmen muss – Stuttgart 21 lässt grüßen. Auch mahnen Großbauprojekte wie der Flughafen Berlin oder die Kölner Opern- und Schauspielhaus-Sanierung zur Vorsicht. Aber zahlreiche andere zukunftsweisende Vorhaben geraten darüber in Vergessenheit. Das dänische Kopenhagen etwa hat die Stadt konsequent umgestaltet, sie gilt heute als lebens- und liebenswertes Musterbeispiel gelungener Stadterneuerung, ein Wallfahrtsort für Städteplanung und Politik.
Aber mit dem nicht nur verkehrspolitischen Problemdruck steigt auch der Wunsch nach einer grundsätzlichen Neuaufstellung, um die Stadt zukunftssicher und lebenswert zu machen. Statt der beschämenden Verhältnisse rund um den Dom hätte Köln wieder eine Visitenkarte, die einem Weltkulturerbe angemessen wäre, denn der Hauptbahnhof tut dem Dom definitiv nicht gut.
Nach dem Ersten Weltkrieg hat der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer Not und Mangel nicht verwaltet, sondern die Krise als Chance für einen großen Wurf genutzt. Mit dem Grüngürtel, der Neugründung der Universität, dem Bau der Messe in Deutz und der Mülheimer Brücke sowie der Ansiedlung von Ford die Stadt mutig und zukunftsweisend modernisiert. Dafür wird er auch hundert Jahre später noch gefeiert – zu Recht.
Jetzt ist die Frage, ob der neue Oberbürgermeister in der Lage ist, ähnlich nachhaltig zu wirken – und sich dauerhaft ins Gedächtnis Kölns einzuschreiben. Nichts ist bisher in Beton gegossen, aber es ist eine große Idee im Raum und die verdient es, öffentlich diskutiert zu werden. Vielleicht kann sich Torsten Burmester vom Denken in dem kurzen Zeitzyklus einer Legislaturperiode lösen. Und vielleicht begreift er diesen schon gereiften Plan als Glücksfall. Wie heißt es so schön: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Es grüßt Sie, herzlich wie stets,
Ihr
Michael Hirz
