NEWSLETTER 02.10.2026

Verehrung oder Rassismus? In der Antike kamen erstmals Afrikaner nach Köln – heute wirft der Umgang mit diesem Erbe Fragen auf

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Oktoberfest? Die Münchner nennen ihre Giga-Gaudi so, obwohl sie weitgehend ein Septemberfest ist und an diesem Wochenende bereits endet. Dafür haben wir Kölner im Oktober zwölf Tage lang etwas zu feiern: Am 10. Oktober beginnen mit dem Fest des heiligen Gereon die Festtage unserer Stadtpatrone. Sie dauern bis zum Fest der heiligen Ursula am 21. Oktober. Den Höhepunkt bilden Vesper und Reliquienprozession am 18. Oktober – mit anschließendem Umtrunk, wie sich das gehört.

Festtage, die zu einem tiefen Blick in den Kölner Stammbaum einladen. Und: zum Nachdenken über einen vermeintlich rassistischen Straßennamen.

Jedes Mal, wenn ich an der Kirche St. Gereon vorbeikomme, bin ich geflasht, wie man heute sagt. Was für ein gewaltiger Bau, dieses Dekagon, das Zehneck als ältester und beherrschender Teil der Kirche. Im Kern spätrömisch, der größte antike Kuppelbau nach Pantheon und Hagia Sophia. Im Hochmittelalter aufgestockt und neu überwölbt.

Wir wissen nicht, ob das Dekagon von Anfang an als Gotteshaus geplant war. Aber bereits für das 6. Jahrhundert ist es als Kirche belegt, in der – so der große Gelehrte und Bischof Gregor von Tours – Märtyrer der Thebäischen Legion verehrt wurden. Der Name des Gereon als Anführer der Gruppe tritt erst später auf. „Zu den goldenen Heiligen“ nennt Gregor die Kirche wegen ihrer überwältigenden Ausstattung. Innenstadtpfarrer Dominik Meiering kann heute noch Goldplättchen zeigen, Reste der antiken Auskleidung.
Theben heißt heute Luxor. Ägypten also. Afrika in Köln. Eine grandiose Kirche zu Ehren afrikanischer Heiliger.

Im Kapitelsaal, heute Schatzkammer, gibt es Reliquienbüsten, darunter zwei schwarze. Und gotische, nach Kriegszerstörung neu gefasste Glasfenster. Eines zeigt zwei heilige Soldaten. Mit heller Hautfarbe: Gereon. Der andere Soldat ist braun: Gereons Gefährte Gregorius Maurus. Der Beiname erinnert an die Mauren, eine Volksbezeichnung aus der Berbersprache. Früher brachte man „Maure“ auch mit dem griechischen Adjektiv mauros, dunkel, in Verbindung. Im Deutschen wurde daraus ein „heiliger more“, auf dessen Gedenktag das wohl älteste deutsche Profandenkmal nahe der Kölner Ulrepforte die dortige Schlacht datiert: auf den 15. Oktober 1268.

Gab es eine Thebäische Legion? Joachim Oepen besucht mich, der Leiter des Erzbistumsarchivs. So eine Legion sei nicht nachweisbar, erklärt er. Aber es lasse sich nachvollziehen, wie sich die Erzählungen über diese vermeintliche römische Heereseinheit ausgebreitet haben. Ausgehend vom oberen Rhonetal, wo Thebäer unter Mauritius (auch in diesem Namen steckt ein Maure) das Martyrium erlitten haben sollen. Propagiert von den Burgunderkönigen. Durchs Frankenreich zog sich der Strang der Geschichten nun den Rhein entlang. Cassius und Florentius in Bonn. Gereon und seine Gefährten in Köln. Viktor von Xanten.

Also alles Legende? „Beeindruckend finde ich die Tradition: ein Heiligenkult, der seit 1500 Jahren nachweisbar ist“, sagt Joachim Oepen. Und eins stehe fest: Afrikaner dienten in verschiedenen römischen Einheiten. Ein Truppenverzeichnis des 5. Jahrhunderts weist das nach, leider fehlen die Einträge vom Niederrhein. Nahe St. Gereon wurde in Köln der Grabstein eines Soldaten aus der römischen Provinz Africa gefunden. In der Kirche wird ein Altar der ägyptischen Göttin Isis verwahrt, der als Baumaterial verwendet wurde und so erhalten blieb. Oepen: „Afrikanische Soldaten gehörten zu den Kulturträgern, die das an den Rhein gebracht haben, was wir heute als abendländische Kultur begreifen.“ Das sieht Pfarrer Meiering genauso: „Vorher waren wir doch Barbaren.“ Denken wir daran, wenn etwa farbige Fußballspieler verhöhnt werden wie zuletzt anlässlich der Fußball-WM.

Erzbischof Anno führte im 11. Jahrhundert die Verehrung des Gregorius Maurus ein. Und dann entwickelte sich die Vorstellung, dass „Gregor, der Mohr“ eine dunkle Hautfarbe gehabt haben müsse. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Altarbilder zeigen ihn so, ebenso ein Fresko in der Taufkapelle von St. Gereon.

Gregor blieb damit nicht allein. Mitte des 13. Jahrhunderts entstand die Skulptur des Mauritius im Magdeburger Dom. Ein schwarzer Ritter mit wulstig vorspringenden Lippen. Auch Melchior, einer der Drei Könige, wird zuweilen mit schwarzer Hautfarbe gezeigt, denn an der Krippe sollten alle im Mittelalter bekannten Erdteile vertreten sein: Europa, Asien, Afrika. Auf Stefan Lochners Altar der Stadtpatrone gibt es keinen schwarzen König, aber eine Fahne mit einem dunkelhäutigen Mann als Sinnbild Afrikas. Die frühbarocken schwarzen Büsten in St. Gereon weisen sehr betonte Lippen auf. Und in der Goldenen Kammer von St. Ursula steht eine schwarze Reliquienbüste des Mauritius. Mit krauser Haarpracht.

Müssen wir so betont exotische Darstellungen als rassistisch ansehen? Oepen weist mich auf einen Aufsatz des Kölner Historikers Karl Ubl über „Rasse und Rassismus im Mittelalter“ hin. Zum Kölner Maurenkult heißt es: „Anders als für Menschen äthiopischer Herkunft, die in der christlichen Literatur der Spätantike häufig mit Sündhaftigkeit assoziiert wurden, ist jedoch für die Mauren keine negative Stereotypisierung erkennbar.“ Oepen selbst spricht von einer Gemengelage: „Es ging vieles nebeneinander. Der gleiche Herrscher konnte einen heiligen Mauren verehren und einen sogenannten Hofmohren im Gefolge haben.“

Und heute? In Ulm wurde die (allerdings aus den 1920er Jahren stammende) Figur des schwarzen Melchior aus der Münsterkrippe ausrangiert. Sie gilt als rassistisch. Meiering würde das mit den Kölner Reliquienbüsten nie machen. Er verteidigt auch den früheren Brauch, dass sich einer von drei Sternsingern schwarz schminkt: „Ich kenne keinen Schwarzen Menschen, der sich darüber aufgeregt hätte.“

1844 entstand nahe St. Gereon die Mohrenstraße. Den Namen, das betont Meiering, hatte der Kirchenvorstand vorgeschlagen. 2025 verlor die Straße diese Bezeichnung. „Menschen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, müssen nicht mehr länger an einer Straße, die so einen Namen trägt, vorbeilaufen“, erklärte Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier (SPD) dazu. So ein Name? Einer, der die heiligen Mauren, die afrikanischen Märtyrer würdigen sollte? Der alte Straßenname war offensichtlich nicht mehr für alle verständlich. Das Straßenschild wurde abgeklebt. So hängt es bis heute da. Es gibt einen neuen Namen, der immerhin im Kern der alte ist: Gregorius-Maurus-Straße. Zwischen Maurus und Mohr steht halt nur eine Lautverschiebung.

Fußnote: Köln hat noch einen schwarzen Heiligen, den Schwarzen Ewald aus Northumbrien. Er ruht mit seinem (Glaubens-)Bruder, dem Weißen Ewald, in St. Kunibert. Aber hier gelten die Beinamen der Haarfarbe.

So ist das in Köln. Wer unsere Kirchen besucht, reist durch große Teile der in Antike und Mittelalter bekannten Welt. Ursula soll der Legende nach eine britische Prinzessin gewesen sein. Im Dom ruht die selige polnische Königin Richeza, Schwester der Äbtissin Ida aus St. Maria im Kapitol und Enkelin der byzantinischen Prinzessin und römischen Kaiserin Theophanu, die in St. Pantaleon begraben ist. Theophanu wiederum hatte den anatolischen Bischof Nikolaus im Westen populär gemacht und blieb auch durch ihre exotischen Essmanieren in Erinnerung: Statt der Finger benutzte sie eine Gabel.

Byzanz und Rom, Afrika, Polen und Großbritannien – unabhängig von Herkunft, Haar- oder Hautfarbe sind wir Kölner vor allem: Minsche.

 

Mit dieser Erinnerung an unseren Kölner Stammbaum grüßt Sie herzlich

Ihr

Raimund Neuß