Newsletter vom 12.02.2021

Das Lehrstück Eigelstein oder: Wenn Gesinnung auf Alltag trifft

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs!

Wie mag es in Köln weitergehen? Die Frage stelle ich mir häufig. Fast fünf Monate liegt die Kommunalwahl nun zurück. Aber was strebt das mutmaßliche Bündnis an, in dem die Grünen die tonangebende Kraft sind neben CDU und Volt als Juniorpartnern? Wo finden sich Hinweise, wohin der Weg führt?

Der Eigelstein, einst Teil der römischen Heerstraße, ist einer der ältesten Verkehrswege der Stadt. Kurz vor der historischen Torburg, auf einem etwa 60 Meter langen Stück Straße, habe ich nach Antworten gesucht. Denn am Eigelstein ist das, was man in Köln offenbar unter einer Verkehrswende versteht, deutlich abzulesen. Hier gibt es seit einigen Monaten eine trostlose und leicht verdreckte Mini-Fußgängerzone. Wenn der Eigelstein Blaupause für eine künftige Verkehrspolitik des neuen Ratsbündnisses ist, dann wird es aufregend in dieser Stadt.

Sie werden in Ihrer Kölner Zeitung von den chaotischen Zuständen gelesen haben, die durch die über Nacht geänderte Verkehrsführung entstanden sind. Das enge Straßengewirr ist wie ein Kapillarsystem. Legt man unbedacht eine Stelle lahm, kollabiert das System: Staus, Schreierei, Beinahe-Unfälle, Stillstand. Die Vergrämungsmethode aber hat inzwischen gewirkt. Da muss man nur die Einzelhändler fragen, die noch öffnen dürfen und nicht das Handtuch geworfen haben. Besucher von außerhalb meiden heute den Eigelstein, sagen einmütig alle, mit denen ich gesprochen habe.

„Wir sind Opfer einer Verkehrspolitik mit der Brechstange.“ Maiwand Yousofi von „Colonia Elektronik“ sagt, sein Umsatz habe sich halbiert. Von einst sieben Angestellten habe er nur noch drei. Wenn es wenigstens eine „Veedelsgarage“ gäbe wie an der Severinstraße. Da hatte er ein zweites Geschäft, das aber die Wirren des U-Bahn-Baus nicht überlebte. In der benachbarten Stickerei „Komet“ konnte ich nicht fragen. Wegen der Verkehrssituation zog sie vor Wochen schon nach Köln-Brück. Die Kunden von außerhalb fehlen, klagt Anja Frenzel von „Blumen Anke“, deren Verkaufsstand vor REWE eine Institution ist, und fasst damit zusammen, was ich am Eigelstein hörte.

Von der „Wohlfühlstraße“ oder der „Flaniermeile“, von der in der Planungsphase grüne Kommunalpolitiker träumten, ist hier, kurz vor der Torburg, aber auch im Verlauf des Eigelsteins Richtung Bahnhof, rein gar nichts zu spüren. Zumal Corona-Virus, Minus-Grade und Kölner Schmuddel das ihre tun. Ein alteingesessener Geschäftsmann ist bitter enttäuscht, dass es kein Gesamtkonzept gibt, um das Viertel attraktiver zu gestalten. Anstelle von Lösungen gebe es lediglich Fahrverbote. Wer als Auswärtiger von den Ringen auf den Eigelstein wolle, müsse nun über enge Anwohnergassen wie den Stavenhof fahren, was für alle Beteiligten unzumutbar sei. Nicht einmal eine Bürgeranhörung habe es gegeben, reklamieren andere. Die Bezirksvertretung habe ohne jede fachliche Begleitung ein Durcheinander geschaffen, unter dem das Viertel dauerhaft leide und das nun als Vorwand für weitere Zwangsmaßnahmen herhalten müsse.

Ist der Eigelstein eine Blaupause für die künftige Verkehrspolitik in Köln? Es sieht so aus. Die Severinstraße soll umgestaltet werden, die Ehrenstraße und die Deutzer Freiheit ebenso. Auf Bürgerbeteiligung will man verzichten. Doch auch hier haben die Entscheidungen der Bezirksvertretung – an Rat und Verwaltung vorbei – Auswirkungen auf zentrale Innenstadtbereiche. „Als die Grünen noch in der Minderheit waren, haben sie stets auf die Beteiligung der Bürger gepocht,“ wundert sich Konrad Adenauer (CDU). Nun, da sie in der Mehrheit seien, wollten sie ihre Pläne möglichst rasch und unbehelligt durchsetzen.
Der Eigelstein ist ein Lehrstück über Verkehrsfragen hinaus. Er spiegelt auch die Ungeduld einer politischen Bewegung, die sich über Jahrzehnte ausgebremst fühlte und deren Vorstöße nach eigener Einschätzung von der Verwaltung immer wieder verschleppt wurden. Nun endlich ist die Chance da, Fakten zu schaffen – und Gesinnung trifft auf die Komplexität des Alltags. Dann kann es vorkommen, dass die erträumte Verbesserung lediglich eine Verschiebung von Unerträglichkeit herstellt. Der eine hat seine Ruhe und seine Immobilie gewinnt an Wert, doch der andere verliert Kundschaft und das Viertel an prallem Leben.

Wie wird Wandel sich in Köln künftig darstellen? Das ist die große Frage. Im Jahresschnitt 2020 pendelten täglich circa 345.000 Menschen nach Köln und 161.000 verließen die Stadt Richtung Arbeitsstelle. Der Kölner Haus- und Grundbesitzerverein musste jüngst auf diese Zahlen aufmerksam machen. Sie zeigen, wie wichtig bezahlbarer, innenstädtischer Wohnraum und wie notwendig eine am Gemeinwohl orientierte Kommunalpolitik ist. Sie darf sich nicht in Schlagworten erschöpfen und allein um Radwege, energetische Haussanierung, Genderfragen sowie Autofreiheit kreisen.

Das neue Bündnis wolle eine Politik des Null-Flächen-Verbrauchs, heißt es. Wo wird familiengerechter Wohnraum entstehen, wo das zukunftsträchtige Gewerbe angesiedelt, von dem die Politik spricht? Mitunter wird der böse Verdacht geäußert, dass eine urbane Elite es sich einfach schön machen will und eine Art neuer Kölner Stadtmauer errichtet. Ob das zu kurz gesprungen ist? Dann sollte das neue Bündnis solche Zweifel bald ausräumen. Das hofft, verbunden mit allen guten Wünschen für das Wochenende
Ihr

Peter Pauls