Newsletter vom 25.11.2022

Der Rat hat Weichen für das KHD-Areal  gestellt. Wohin führen sie? Der Investor: vergrault. Die Künstler: hält man hin. Die Gebäude: verkommen.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

leidet Köln unter Gedächtnisschwäche? Die Frage stellt sich mir, wenn ich zurückblicke auf den 14. August 2021. Da forderten auf dem Heumarkt Politik und gesellschaftliche Kräfte, die Stadt müsse ihr Vorkaufsrecht nutzen und die historische KHD-Zentrale erwerben. Die Kunstinitiative „Raum 13“ hatte sie erschlossen und zehn Jahre lang geprägt, bis ihr gekündigt wurde. Unterstützer sammelten Unterschriften, die Kundgebung entwickelte ihre eigene Dynamik, als sei sie inspiriert vom ewigen Höhner-Lied „Da simmer dabei, dat ist prima“. Kurz darauf setzte die Verwaltung einen fraktionsübergreifenden Ratsbeschluss tatsächlich um und schlug für einen zweistelligen Millionenbetrag zu.

Dennoch herrscht 15 Monate später Katerstimmung. Die Initiative ist bisher nicht in die KHD-Zentrale zurückgekehrt, obwohl es doch gefühlt alle so wollten. Vielmehr verhandelt sie erfolglos mit der Stadt. Aktueller Stand, so die Künstler: Für einen vierjährigen Mietvertrag sollen sie einen Antrag wie für einen Neubau stellen, dessen Kosten allein sich auf €150.000 belaufen.

Eine weitere Sorge gilt der Bausubstanz, so Anja Kolacek und Marc Leßle, der Geschäftsführung von „Raum 13“: Wassereinbruch, mangelnde Instandhaltung und Lüftung, Kondenswasser, Schimmel und Einbrecher setzen ihr zu. Entlang der Deutz-Mülheimer Straße kann man die Verwahrlosung leerer Industriehallen beobachten – ein Blick durch zerschlagene Fenster reicht. Leerstand bringt Verfall.

Hier besteht Einigkeit zwischen Künstlern und dem Investor Christoph Kahl von der Kölner Firma „Jamestown“, der das Gelände vor zwei Jahren erwarb und selber entwickeln wollte, sich aber ohne Umschweife dem städtischen Vorkaufsrecht beugte. Beiden Seiten liegt an dem Projekt und sie fragen sich, wie lange dessen Zustand Zukunftsplanungen noch erlaubt.

In einem Gespräch mit „Raum 13“ haben mich Ernsthaftigkeit, Engagement und Zielstellung der Künstler beeindruckt. Ihr Anliegen versuche ich kurz zu fassen: Seit 1876 wurde auf der anderen Rheinseite der Otto-Motor hergestellt. Er löste weltweit eine technische Revolution aus, schrieb Industriegeschichte. Diesem Geist verpflichtet, will „Raum 13“ Modelle für künftiges Wohnen, Leben und Arbeiten entwickeln und nennt das „Reallabor“.

Leerstand bringt Verfall. Das zeigt ein Blick hinter die Kulissen in Köln-Mülheim.

Foto: pixabay//Florian Waechter

Damit dies konsequent geschehen kann, müsste die Stadt Köln  auch den zweiten Teil der KHD-Zentrale erwerben und der Initiative überlassen. Er gehört dem Land NRW und ist seinerzeit sinnfrei wie mit einem Linealstrich durch das Gebäude markiert worden. Vor jedem, der das Gelände erschließen will, liegt daher eine gewaltige Aufgabe.

Die Künstler wollen die Fläche über eine Quartierssatzung parzellieren und per Erbbaurecht an Institutionen, Investoren und Baugruppen vergeben, die dann – jeder für sich – zum großen Ganzen von Wohnen, Leben, Arbeiten, Kunst und Kultur beitragen. Als Beispiele führen sie die Leipziger Baumwollspinnerei oder den ehemaligen Blumengroßmarkt in Berlin an. Einen Bereich will „Raum 13“ für sich selbst entwickeln. Mehr erfahren Sie, wenn Sie den Link anklicken.  Dort stößt man auf ein digitales Buch mit Namen „Zukunftswerk Stadt_Das Buch“.

Hier findet sich einiges, was mich nachdenklich machte. Die Dokumentation einer Diskussion etwa, in der das KHD-Gelände „kaum begehbar“ und „feuerpolizeilich eine Katastrophe“ genannt wurde. Es war kein ausgewiesener Experte, der so sprach. Aber eines ist klar: In den seit Jahrzehnten verfallenden Hallen schlummern gewaltige (Kosten-)Risiken. Wer hat Erfahrung und Mittel damit umzugehen? Das Foto eines Raumes, den Künstler beim Auszug voller Erde zurückließen, fiel mir auf. Ebenso Sätze aus dem digitalen Buch wie dieser: „Auf das Bauprojekt Quartier bezogen, soll hierbei bewusst auf gängige Methoden, Gewohnheiten oder Denk-Einheiten aus dem Bereich Stadtplanung und Stadtentwicklung verzichtet werden. Auf einer Linie mit dem Fluchtpunkt Stadt befindet sich der Baustein Quartier.“

Mit den Künstlern habe ich diesen Satz für mich übersetzen können. Er bedeutet in etwa, dass es keine Lösungen aus dem Regal gibt, nur eine Summe von Einzelfällen. Aber wie will man sich darüber mit einer herkömmlichen Verwaltung verständigen? Der wurde überdies gerade vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bescheinigt, wie Berlin „teilweise dysfunktional“ zu sein. Sich einen verantwortlichen Projektansprechpartner und einen konstruktiven Geist in der Verwaltung zu wünschen, eint die Künstler mit anderen Investoren. Doch werden die einen verstehen, was die anderen meinen?

Öffentliche Debatten sind in Köln eine Verführung für die lokale Politik. Sie verleiten zu Schaufensterbeschlüssen. Das Wort ist dann fast so gut wie die Tat und groß ist die daraus folgende Begeisterung über sich selbst. Der Ratsbeschluss zum Kauf hat zwar Weichen gestellt. Doch wohin führen sie? Den Investor Kahl hat man vergrault. Und die Künstler hält man hin. Das historische Areal, das stellenweise erbärmlich aussieht, verkommt weiter. Mich erinnert das an den Schauspieler Ralf Richter. In der Kölnischen Rundschau sagte er: „Die Menschen hier sind sehr zuvorkommend – wie der Kölsche so ist. Wenn Dir 120 Leute versprechen, beim Umziehen zu helfen, hätte schließlich einer beinah Zeit gehabt, wenn seine Mutter nicht Geburtstag gefeiert hätte.“

Christoph Kahl hat den meisten Ratsparteien die Pläne seiner Firma erläutert. Weltweit hat „Jamestown“  erfolgreich vorgeführt, was jetzt in Köln ansteht: Industriebrachen zu revitalisieren. In jeder anderen Stadt würde man Kahl den roten Teppich ausrollen. Nicht so in seiner Heimat. Immerhin – er war beeindruckt von der Tiefe und Ernsthaftigkeit, in der die Ratsfrauen und -herren sich mit seinen Sanierungsplänen auseinandersetzten und sie für gut befanden. Um dann am Ende doch auf den Beschluss zu verweisen, das Gelände anderweitig zu nutzen.

Der 68-jährige lebt und engagiert sich in Köln. Eher zufällig habe ich erfahren, dass seine Millionenspende den Bau des Basketball-Zentrums in Bickendorf ermöglichte. Er ist sozial aktiv, fährt einen Mittelklassewagen, ist ein ruhiger, unprätentiöser Zeitgenosse und bietet die Sicherheit, dass die KHD-Zentrale von einer kompetenten Firma revitalisiert wird. Ich hätte mir gewünscht, dass er zum Zuge kommt. Und „Raum 13“ auch seinen Platz findet. Das geht nicht? Mag sein. Doch ist das unerheblich. Derzeit geht in Köln-Mülheim rein gar nichts.

Zum Schluss: Wie steht es mit der Kommunikation in der Kölner SPD? Deren Fraktionsvorsitzender Christian Joisten forderte jetzt, die stadteigene GAG, mit rund 45.000 Wohnungen Kölns größte Vermieterin, solle angekündigte Mieterhöhungen aussetzen. Da hätte er gezielter vorgehen können. Denn sein eigener Fraktionsgeschäftsführer, Mike Homann, ist Aufsichtsratsvorsitzender eben dieser GAG und sitzt an den entscheidenden Hebeln. Merke: Kommunikation ist nicht alles. Aber alles ist nichts ohne Kommunikation.  

Apropos Kommunikation: Mona Neubaur, stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin, ist kommenden Montag, 28.11., 19.30 h, zu Gast im Kölner Presseclub (siehe Einladung unten). Für Leser unseres Newsletters haben wir einige Plätze freigehalten.  Bitte anmelden unter info@koelner-presseclub.de. Sie sind willkommen.

Es grüsst herzlich

Ihr

Peter Pauls