NEWSLETTER 16.01.2026

Yad Vashem am Dom, aber kein Platz für das jüdische Theater Michoels in Köln? Über Alex Schneider, den Sisyphos vom Rhein.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wenn man mit Alex Schneider spricht, geht es vordergründig heiter zu. Der Leiter des jüdischen Theaters Michoels in Köln spricht voller Witz und Selbstironie, amüsiert sich offenbar über die Rolle, die er in dieser Stadt spielt. Das war schon so, als ich ihn vor langer Zeit kennenlernte. Dabei hätte er Grund, enttäuscht oder gar verärgert zu sein.

Seit fast drei Jahrzehnten versucht Alex Schneider in Köln eine Stätte für sein jüdisches Theater zu finden. Ganz praktisch: vier Wände, eine Bühne, einen Eingang, durch den Publikum kommt – und idealerweise auch wieder hinausgeht. 1997 gegründet, war das erste jüdische Theater-Ensemble der Nachkriegszeit in Deutschland ein Thema für die Medien. Bis in New York Times und Washington Post reichten die Berichte. Auf Köln fiel internationale Aufmerksamkeit.

„Wobei wir doch nur spielen und Spaß haben wollten“, lacht Scheider. Auch die Stadt begrüßte das Ensemble. Der damalige Oberbürgermeister Harry Blum (CDU), angetreten, Köln zu verändern, wollte ihm eine feste Spielstätte vermitteln. Für kurze Zeit gab es tatsächlich eine Bühne im Rheinauhafen. Dann wurde der neue Hafenkomplex gebaut und das Theater musste raus. Zurück durfte es nicht. Förderer Blum war, eine tragische Fußnote, wenige Monate nach Amtsantritt verstorben.

Was folgte, nennt Schneider eine Odyssee. Gastspiele in Schauspielhaus, Philharmonie, studio dumont, Rautenstrauch-Joest-Museum und immer wieder neue Interimslösungen. Spielstätten gab es viele. Dauerhaft war keine. Immer wieder Lob, Zustimmung, Sympathie. Schneider ist voller Geschichten von Zusagen, die platzten, Plänen, die „auf einem guten Weg“ waren und dann doch erfolglos blieben. Wie für Sisyphos in der griechischen Mythologie waren alle seine Kraftanstrengungen in dieser Stadt vergeblich.

2019 lag ein Plan für ein Theaterhaus in der City vor. Bauträger und Sponsor waren bei der Hand, Architektenentwurf und Betriebsplanung ebenso. Die Finanzierung stand also. Der Liegenschaftsausschuss befürwortete das Projekt. Dann kam, was man aus Köln kennt: Der Mut zur Entscheidung fehlte. Vertagen und liegenlassen war die Devise. Wie auch bei der historischen Mitte pulverisierten die über die Jahre gestiegenen Baupreise alle Planungen. Schneider erzählt das mit milder Ironie statt mit Zorn. Gut so, denn der hätte ihn sicher inzwischen verzehrt.

Nun bewirbt Köln sich um die deutsche Außenstelle der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, den zentralen Ort, der weltweit an die Judenvernichtung erinnert. Ein Gebäude direkt am Dom soll Bildungs- und Begegnungszentrum werden. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) nennt das Projekt eine Herzensangelegenheit. Köln wolle jüdisches Leben fördern und Antisemitismus mit Bildung bekämpfen. Das sind große Sätze und ich wünsche mir, dass sie Wirklichkeit werden. Denn wenn jüdisches Leben in dieser Stadt so ausdrücklich gewollt ist, dann hat vielleicht das jüdische Theater noch eine Chance.

Zu jüdischem Leben gehört Sorge um die Sicherheit. Die Sorge ist angesichts wachsender Übergriffe und offenem Antisemitismus gewachsen. Dabei geht es um den physischen Schutz von Synagogen, Schulen und Gemeindezentren, um etwas wie den Alltag jüdischer Bürger überhaupt erst zu ermöglichen. Köln macht da keine Ausnahme.

Die Synagoge an der Roonstraße steht unter konstanter Polizei-Aufsicht. Das jüdische Altenheim mit der benachbarten Schule in Ehrenfeld gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Dort habe ich hinter Zugangsschleusen Alex Schneider spielen sehen. Es wurde gesungen, gescherzt, erzählt. Ausschnitte aus eigenen Inszenierungen „Lea – ich gehe zu mir“ oder „Lachen bis der Rabbi kommt“ wurden aufgeführt. Wir lachten hinter Sicherheitsschranken, nicht-öffentlich und wohl behütet. 

Gedenken an den millionenfachen Judenmord funktioniert in Deutschland. Es ist organisiert, ritualisiert und fast möchte man es routiniert nennen, denn häufig treffen sich dieselben Personengruppen. Wer seine sieben Sinne beisammen hat, kann nur Scham und Verpflichtung empfinden. Andenken, Trauer und Betroffenheit sind echt, aber isoliert in Sälen, Kirchen oder Parlamenten. Doch mit lebendiger jüdischer Kultur ist es komplizierter. Sie ist vielgestaltig, gegenwärtig, kann widerspenstig und widersprüchlich sein. Sie steht für Zukunft. Vor allem aber muss sie öffentlich und spürbar werden.

„Wir dürfen über die Erinnerung nicht unsere Gegenwart vergessen“, sagt Andrei Kovacs. Eben um diese Gegenwart geht es dem Verein „Jüdisches Leben in Europa“, dessen deutsche Geschäftsstelle mit 19 Mitarbeitenden in Kürze in Köln aktiv wird mit Kovacs als Generalsekretär. Viele hier kennen ihn. Er steuerte als Geschäftsführer bereits 2021 das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Kovacs wirbt für ein „entkrampftes“ Miteinander und eine Zukunft, in der „kölsch und koscher“ gemeinsam genannt werden.

Insgeheim war Alex Schneiders Hoffnung auf ein Theater gesunken. Nun aber versucht er erneut, den Stein auf die Kuppe zu rollen, um nicht als Sisyphos zu enden, dem das nicht gelang.  Er hat an den Oberbürgermeister geschrieben. Freundlich und sachlich, wie es seine Art ist: Ob aus dem stets bezeugten guten Willen diesmal etwas Konkretes werden könnte?

Das würde das Werben um die Außenstelle von Yad Vashem überzeugender machen und wäre eine überraschende Wendung. Für Köln wäre sie überfällig.

 

Herzliche Grüsse

Ihr
Peter Pauls