NEWSLETTER 20.03.2026
Zwischen Krisenmodus und Realität: Warum Köln besser ist als sein Image und wir das viel deutlicher zeigen sollten
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
Baustellen, Verzögerungen, Sanierungsstau, Streit um Verkehrsversuche und Parkplätze – wer die täglichen Meldungen verfolgt, könnte meinen, Köln komme aus dem Krisenmodus nicht mehr heraus.
Doch ist das die ganze Wahrheit?
Ich habe mit Dr. Reimar Molitor gesprochen, dem Geschäftsführer Region Köln/Bonn e.V. Der Verein vernetzt 61 Kommunen. Von der Millionenstadt bis zur ländlichen Gemeinde. Er bündelt und befördert Projekte, holt dafür Fördermittel von Land, Bund und EU und sorgt dafür, dass Vorhaben nicht an Stadtgrenzen scheitern. Molitor kennt seit vielen Jahren die unterschiedlichen Interessen, finanziellen Spielräume und politischen Realitäten der Region und vor allem eben auch in Köln sehr genau.
Sein Fazit fällt deutlich aus: „Die Menschen haben genug von schlechten Nachrichten. Und auf der Stadtverwaltung und ihren Verantwortlichen herumzutrampeln ist in Köln fast zu einer Art Sport geworden.“ Er spricht von einer medialen Gewohnheit, die sich verselbstständigt hat. Permanenter Krisenmodus. Permanente Empörungsschleife. „Es ist, als stünde Köln immer im Regen“, sagt er. „In den Schlagzeilen ist ständig alles schlecht.“
Molitor plädiert deshalb für einen Perspektivwechsel. Weg von der emotionalisierten Innensicht. Hin zu einem nüchternen Blick auch auf das, was tatsächlich entsteht. Fertige Projekte. Funktionierende neue Strukturen. Neue Cluster. Internationale Kooperationen.
„Die Realität in Köln ist komplexer als das tägliche Empörungsritual“, sagt Molitor. Wer einmal durch diese Brille schaut, landet schnell am Flughafen Köln/Bonn und beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dort entsteht ein Cluster für Satellitentechnik und Raumfahrtanwendungen. Unternehmen und Forschungsinstitute arbeiten an Erdbeobachtung, Kommunikationstechnologie und sicherheitsrelevanten Systemen – ein europäisches Raumfahrtcluster mit internationaler Ausstrahlung.
Der Blick auf die Region zeigt noch mehr Dynamik. Molitor verweist auf ein weiteres Beispiel nur wenige Kilometer entfernt: Entlang der Achse Köln–Bonn sei in den vergangenen Jahren ein Forschungsraum entstanden, der weltweit Gewicht hat.
Die Universitäten in Bonn und Köln forschen längst nicht mehr jede für sich, erklärt er. Beide Universitäten betreiben „rheinisch untergehakt“ gemeinsame Spitzenprojekte, etwa in der Wirtschaftsforschung, beim Quantencomputing oder in der Astrophysik. Kurz: In Bonn wird häufig die Grundlagenforschung vorangetrieben. In Köln geht es stärker darum, Wissen in Unternehmen, Start-ups und konkrete Anwendungen zu übertragen.
Die Universität zu Köln ist in der Exzellenzstrategie stark vertreten. Cluster gibt es unter anderem in Alternsforschung, Pflanzenwissenschaft, Quantenphysik und Wirtschaft. Mit dem Gateway Exzellenz Start-up Center verfolgt die Universität das Ziel, Forschung in Gründungen zu überführen. Wissenschaft soll nicht im Labor enden, sondern im Markt ankommen.
So entsteht entlang der Achse Köln–Bonn ein gemeinsamer Wissenschafts- und Innovationsraum, der weit über die Region hinaus international wahrgenommen wird, sagt Molitor. Ein Raum, der deutlich größer ist als das Bild der „Problemstadt Köln“. Für Molitor ist entscheidend: „Diese Dynamik macht nicht an Stadtgrenzen halt.“
Spitzenforschung, neue Unternehmen und Ideen in Köln. Hightech direkt an unserem Flughafen. Hätten Sie das mit Köln verbunden? Es passt jedenfalls nicht zu dem düsteren Bild, das oft von Köln gezeichnet wird.
Gleichzeitig wäre es falsch, die täglichen Probleme vor Ort kleinzureden. Wer morgens auf eine verspätete Bahn wartet, über Schlaglöcher fährt oder erlebt, wie lange Genehmigungen und Entscheidungen dauern, spürt sehr konkret, wo Köln im Alltag nicht funktioniert. Diese Erfahrungen prägen das öffentliche Bild. Aber sie verdecken leider auch, was sich parallel hier positiv entwickelt.
In meinen Gesprächen wurde noch etwas anderes deutlich: Vielen ist gar nicht bewusst, welche Rolle Köln als Wirtschaftsstandort spielt. Kaum jemand weiß, in welchen Branchen wir besonders gut aufgestellt sind. Genau hier setzt eine neue Initiative aus der Kölner Wirtschaft an, die sich derzeit formiert. Ihr Ziel: sichtbar machen, welche Unternehmen, Technologien und Innovationen hier entstehen. Denn eine funktionierende Wirtschaft ist keine abstrakte Größe. Sie entscheidet ganz konkret darüber, wie handlungsfähig Köln bleibt – und sie ist eine wichtige Grundlage für soziale Stabilität und einen soliden städtischen Haushalt. Die finanzielle Realität ist nämlich ernst: Köln steckt derzeit in einer der schwierigsten Haushaltslagen seit Jahren, mit Defiziten in dreistelliger Millionenhöhe und wachsendem Spardruck.
Umso wichtiger ist die Frage, wie wir über Köln sprechen und berichten. Wir Journalisten, und ich zähle mich ausdrücklich dazu, müssen aufpassen, dass Kritik an der Stadt nicht zur Selbstbeschäftigung wird. Natürlich müssen wir Missstände weiter benennen; das bleibt unsere Aufgabe. Aber wir sollten darauf achten, dass aus berechtigter Kritik kein Dauerbild der Krise entsteht. Denn auch das, was funktioniert, wächst und Zukunft hat, gehört zur Wirklichkeit unserer Stadt und sollte daher viel öfter gezeigt werden. Gerade dann, wenn der Himmel über Köln einmal wieder voller Wolken hängt.
Sonnige Grüße sendet
Ihre
Claudia Hessel
