NEWSLETTER 31.07.2026

Kein Platz fürs Handwerk: Warum uns das in Köln teuer zu stehen kommt

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

samstagmorgens zieht sich vor der Bäckerei Zimmermann auf der Ehrenstraße eine Schlange bis auf den Bürgersteig. Seit 1875 wird dort gebacken, heute in fünfter Generation. Selbst der Sauerteig stammt noch aus der eigenen Backstube. Ein paar Gehminuten weiter warten die Kunden bei Balkhausen auf Rosinenstuten und Kümmelbrot. Köln liebt sein Handwerk. Solange es duftet und schmeckt. Schwieriger wird es, sobald Lieferwagen vorfahren, Maschinen Lärm machen und die Arbeit früh am Morgen beginnt. Dann wird aus einem  geschätzten Traditionsunternehmen schnell ein Störfaktor.

Köln fehlen Wohnungen, Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen. Doch eine Stadt, in der Menschen leben, muss auch ein Ort bleiben, an dem gearbeitet, repariert und produziert wird. Das Handwerk ist dabei keine wirtschaftliche Randgruppe: Mehr als 10.000 Handwerksunternehmen gibt es nach Angaben der Kammer in Köln. Sie beschäftigen rund 60.000 Menschen und erwirtschaften jährlich etwa acht Milliarden Euro. Damit gehört das Handwerk zu den großen wirtschaftlichen Kräften der Stadt. Umso erstaunlicher ist, wie oft es um seinen Platz kämpfen muss.

Darüber habe ich mit Thomas Radermacher gesprochen. Der Tischlermeister steht seit Mai 2025 an der Spitze der Handwerkskammer zu Köln. Seine Forderung lautet: „Wir brauchen produzierendes Gewerbe in der Stadt und nicht nur in den äußeren Stadtteilen.“ Der Satz klingt selbstverständlich. Ist er es auch? Jedes freie Grundstück kann nur einmal vergeben werden. Wohnungen, Schulen, soziale Einrichtungen, Büros und Gewerbe konkurrieren miteinander. Radermachers Eindruck: Wenn entschieden wird, wer den Zuschlag erhält, steht das Handwerk selten ganz oben auf der Liste.

Der Rat hat im Februar 2025 ein Konzept für die produzierende Wirtschaft beschlossen. Dazu gehören auch Gewerbehöfe, in denen mehrere kleinere Unternehmen arbeiten können. 61 solcher Standorte gibt es bereits. Dort arbeiten rund 9.500 Menschen in etwa 950 Betrieben. Die Zahlen zeigen, welche Bedeutung solche Gewerbehöfe für Köln haben. Doch freie Räume sind dort kaum zu finden. „Die Flächen fehlen nach wie vor“, sagt Radermacher. Die bestehenden Standorte seien stark ausgelastet.

Doch selbst dort, wo noch Flächen zur Verfügung stehen, können die Vergaberegeln zum Hindernis werden. Im Gewerbegebiet Lövenich, einer der größten verbliebenen Ausweichflächen, werden je 1.000 Quadratmeter mindestens sieben Vollzeitstellen verlangt. Hinzu kommen Vorgaben für mehrgeschossige Gebäude und große Büroanteile. Doch passt das zu einer Schreinerei oder einem Installationsbetrieb, der vor allem Werkstatt, Lager und Stellplätze benötigt? Für viele kleinere Unternehmen dürfte das weder praktisch noch wirtschaftlich sein. So verlieren Handwerksbetriebe ihre Standorte in gewachsenen Vierteln und müssen weiter entfernt neu anfangen.

Wie diese Verdrängung abläuft, zeigt das Beispiel eines Heizungs- und Sanitärunternehmens an der Vitalisstraße in Ehrenfeld. Mit den neuen Wohnungen kamen Tempo 30, eingeschränkte Zufahrten und Beschwerden aus der Nachbarschaft. Im Jahr 2020 zog der letzte Handwerksbetrieb der Umgebung nach Ossendorf. Fünf Jahre hatte der Unternehmer nach einem neuen Standort gesucht, zwei Jahre mit der Stadt verhandelt.

Für Radermacher zeigt dieser Fall, wie schnell das Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe aus dem Gleichgewicht geraten kann. Beides müsse von Anfang an gemeinsam geplant werden. Doch geschieht das tatsächlich? Oder wird das Handwerk erst bemerkt, wenn eine Werkstatt schließen oder umziehen muss? Natürlich verändern sich Viertel, und selbstverständlich werden Wohnungen benötigt. Nur sollte man sich ehrlich machen: Wer Werkstätten aus den Wohnvierteln verdrängt, darf sich später nicht wundern, wenn der Handwerker lange auf sich warten lässt – sofern er den Auftrag überhaupt noch annimmt. Und günstiger wird es dadurch sicher nicht.

Die Kammer geht davon aus, dass Köln jedes Jahr rund 35 Hektar zusätzliche Gewerbefläche benötigt. Zuletzt waren weniger als zehn Hektar frei verfügbar. Unternehmen, die sich vergrößern wollen, haben daher kaum eine Chance. Wer seinen Mietvertrag verliert, steht häufig ohne Alternative da. Der Stadtrand erscheint auf den ersten Blick als einfache Lösung. Doch der Auftrag bleibt in Lindenthal, Ehrenfeld, Nippes oder der Innenstadt. Der Monteur muss deshalb jeden Morgen zurück in die Stadt – zu den Kunden, auf die Baustellen und durch dieselben Staus wie alle anderen.

„Kurze Wege sparen auch dem Kunden Geld“, sagt Radermacher. Denn jede Minute im Stau fehlt bei der eigentlichen Arbeit: beim Einbau einer Heizung, bei der Reparatur eines Fensters oder beim Verlegen einer Leitung. Die Kammer hat ausgerechnet, was das bedeuten kann. Schon 45 Minuten Stau pro Tag können bei sechs oder sieben Gesellen Umsatzeinbußen von 100.000 Euro oder mehr im Jahr verursachen. Die verlorene Zeit löst sich nicht einfach auf. Entweder nimmt das Unternehmen weniger Aufträge an, oder es stellt die längeren Fahrzeiten in Rechnung. Zahlen muss am Ende der Kunde.

Hinzu kommt die Suche nach einem Parkplatz. Radermacher berichtet, dass manche Firmen Aufträge bereits ablehnen, wenn ihre Monteure am Einsatzort nicht halten können. Was bedeutet es für ein Viertel, wenn Elektriker, Installateure oder Schreiner dort nur noch ungern hinfahren ? Aus einem Verkehrsproblem wird dann schnell ein Problem der Versorgung. Ganz untätig ist Köln nicht. Seit September 2024 gibt es auf der Venloer Straße eine Haltezone für Handwerker, Pflege- und Lieferdienste. Neun weitere sollen folgen. Ein sinnvoller Anfang. Aber reicht das für eine Millionenstadt? Radermacher hält den Ansatz für richtig, aber bei Weitem nicht für ausreichend. Entscheidend sei, dass die Interessen des Handwerks von Beginn an berücksichtigt werden – wenn Grundstücke vergeben, Viertel entwickelt oder Straßen neu geordnet werden. Nicht erst dann, wenn ein Unternehmen bereits den Rückzug vorbereitet.

Hoffnungen setzt Radermacher auf Oberbürgermeister Torsten Burmester, der wirtschaftsfreundlicher handeln wolle. Was das konkret bedeutet, wird sich allerdings erst zeigen müssen. Denn längst geht es nicht nur um neue Standorte. Auch klassische Gewerbegebiete verändern ihren Charakter. In der Schanzenstraße etwa ziehen Büros, Hotels und Dienstleister ein. Sie können oft höhere Mieten zahlen und verursachen weniger Lärm und Lieferverkehr. Für Werkstätten und produzierende Unternehmen wird es dadurch noch enger.

So entsteht nach und nach eine widersprüchliche Stadt: Das Handwerk wird überall verlangt, soll aber möglichst nirgendwo stören. Die Werkstätten liegen draußen, die Kunden warten drinnen, und dazwischen steht der Monteur im Stau. Am Ende zahlen wir alle.

Herzliche Grüße

Ihre
Claudia Hessel