NEWSLETTER 21.08.2026
Ein Museum wird verpackt: Warum Direktor Marcus Dekiert keine Interimslösung für das Wallraf-Richartz-Museum möchte – und wie das Haus während der Schließung präsent bleiben soll
Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
„Bin bald wieder da“ – so grüßt Peter Paul Rubens von der Fassade des Wallraf-Richartz-Museums. Der Haupteingang ist verschlossen. Das Haus soll saniert werden. Ich gehe um Baustellenzäune herum. In der Martinsgasse, gleich neben dem Gürzenich, ist eine Stahltür: der Verwaltungseingang. Ich klingele. Noch hat Marcus Dekiert hier sein Dienstzimmer. „Bis Oktober müssen wir draußen sein. Erst die Kunst, dann die Büros.“
Alles muss raus. Wirklich alles? Marcus Dekiert führt mich in die Schauräume der Sammlung. Leere Bilderrahmen stehen in den Gängen. Die Holzböden und Sitzmöbel sind gepflegt, im zentralen Raum der Mittelalterabteilung strahlen goldene Sterne auf dunkelblauem Grund. Makellos. Das Haus sieht 25 Jahre nach seiner Einweihung nicht aus wie ein Sanierungsfall. Oder doch?
„Der Bau von Oswald Mathias Ungers ist in vielen Teilen noch sehr gut in Ordnung“, bestätigt Dekiert. „Es geht nicht um eine Generalsanierung. Aber die Rohre sind ein großes Problem, die Rohre für das Frisch- und Abwasser. Und wo Rohre gewechselt werden müssen, werden Wände, Decken und Böden aufgestemmt.“ Kein guter Ort für Gemälde. Parallel zur Rohrsanierung wird ein Verbindungstunnel zum Erweiterungsbau angelegt, den das Schweizer Architekturbüro Christ und Gantenbein entworfen hat. „Es geht nur unterirdisch“, erklärt mir Dekiert: „Der Ungers-Bau ist ein Solitär. Da können Sie keine Brücke dransetzen.“
Ein Museum wird verpackt. Über 2.000 Gemälde, darunter das Selbstporträt des jungen Rubens mit Freunden aus Mantua. Eins der berühmtesten Selfies der Kunstgeschichte. Es gibt das Motiv für die „Bald-wieder-da“-Plakate her. Zu den Gemälden kommen ein paar Dutzend Skulpturen und die grafische Sammlung mit mehr als 60.000 Blättern. Die Räumung der Schauräume konnte erst nach dem letzten Öffnungstag am 2. August beginnen. Ein großer Teil der Depotbestände war schon früher umgezogen. Aber wohin?
Dekiert: „Die Depots der anderen Museen sind auch voll. Die können nicht 2000 Gemälde zusätzlich aufnehmen.“ Also bleiben Kunst-Logistiker mit ihren gesicherten und klimatisierten Lagern. „Die Kunstwerke werden verpackt eingelagert und kommen so wieder zurück. Und wir können sie dann auspacken und an die neuen Stellen im erweiterten Museum hängen.“
An den letzten Öffnungstagen fragten Besucher immer wieder nach Spitzenwerken wie Stefan Lochners zauberhafter Madonna im Rosenhag. Auch die wird verpackt. So wie Rubens und seine Freunde aus Mantua. Wie die großen Impressionisten. Warum verschwinden sie alle im Speditionslager? Warum macht das Wallraf kein Schaufenster in der Stadt auf?
Einlagerung, keine Interimsausstellung für die Bilder: Museumschef Marcus Dekiert in der Mittelalterabteilung. Foto: Neuß
„Darüber haben wir intensiv nachgedacht“, sagt Dekiert. „Bei einer langen Sanierungszeit, drei, fünf, zehn Jahre, da hätten wir es tun müssen. Der Zeitraum, mit dem wir planen, ist aber überschaubar.“ Das war der erste Grund gegen ein Interim. Der zweite: „Welches andere Museum hätten wir denn aus einem Teil seiner Räume verdrängen sollen?“ Das Römisch-Germanische Museum und das Stadtmuseum haben Interimsstandorte in anderen Gebäuden gefunden, aber, so Dekiert: „Mit Gemälden können wir nicht ins Belgische Haus gehen oder in ein ehemaliges Kaufhaus. Schon aus klimatechnischen Gründen nicht.“ Aber am stärksten gegen ein Interim spricht für ihn Argument Nummer drei: „Wenn man einmal im Interim ist, könnte man dort länger bleiben als geplant. Dann bekommt man gesagt: Ihr könnt ja eure Hauptwerke zeigen. Ich bin mir sicher, dass es dazu kommen würde. Dagegen merkt man jetzt schon, dass ohne Interim Druck auf dem Kessel bleibt. Damit das älteste Museum der Stadt Köln im vorgesehenen Zeitrahmen so rasch als möglich an seinen Ort zurückkehrt.“
Aussagen, die sich die Teams der beiden Interim-geplagten Kölner Museen notieren dürften. Was macht Dekiert so sicher, dass der Zeitplan hält? Ende 2028 soll sein Museum wieder offen sein. Dazu müssen die Bauarbeiten viele Monate vorher abgeschlossen sein. Die Böden müssen liegen, die Wände picobello hergerichtet sein.
Klappt das? „Ich bin zuversichtlich“, sagt Dekiert. „Unser Vorteil gegenüber anderen Bauprojekten liegt darin, dass wir weitgehend auf einen externen Projektsteuerer setzen. Jürgen Marc Volm ist schon seit drei Jahren drin, und alles läuft im Plan.“ Auch beim Erweiterungsbau, von dem bereits erste Kellermauern stehen. „Aber mit der Ausschachtung haben wir den schwierigsten Teil fast komplett abgeschlossen.“ Einschließlich der Bergung einer Spundwand aus dem römischen Hafenbecken. Und des Fundes von Quecksilber, einer Altlast aus dem Mittelalter.
Zweieinhalb Jahre ohne Lochner, Rubens, Liebermann. Wie bleibt ein verpacktes Museum sichtbar? Dem Spruch „Bin bald wieder da“ werden andere Claims folgen. 2027 will Dekiert auf Werke seines Hauses „im Stadtraum“ aufmerksam machen – „das wird eine Überraschung“. Der Förderverein Kunstfreunde Köln gastiert mit Veranstaltungen in anderen Museen – etwa im Sport- und Olympia-Museum, im Belgischen Haus oder auch auswärts in Braunschweig. Eine Kölner Impressionistenschau reist durch Japan. Und es gibt „Wallraf Digital“. Einen kostenlosen virtuellen Rundgang auf der Internetpräsenz des Museums. „Sie sehen das Museum dort so, wie es nie wieder sein wird“, sagt Dekiert.
In der Tat: Durch die Erweiterung gewinnt das Wallraf-Richartz-Museum rund 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und sortiert sich neu. Die Werke des 19. Jahrhunderts samt der eigenen Impressionistensammlung und der Sammlung des verstorbenen Schweizer Unternehmerpaars Gérard und Marisol Corboud werden im neuen Gebäude gezeigt. Dadurch wird im Ungers-Bau die dritte Etage frei. Und bleibt frei, reserviert für Wechselausstellungen. Das Untergeschoss hat sich dafür als zu eng erwiesen. Von 2028 an soll es die Kunst des 18. Jahrhunderts aufnehmen.
Die Museumsleute haben lange auf die Erweiterung warten müssen. Elf Jahre nach der Entscheidung im Architektenwettbewerb gab es 2024 endlich den ersten Spatenstich. Dekiert äußert sich dankbar über den Stifterrat des Museums, der die Stadt immer wieder an ihre Zusagen erinnert hatte. In Dekierts Zimmer steht ein Porträt von Gérard Corboud, der den Baubeginn nicht mehr erlebt hat. Seine Witwe Marisol, eine gebürtige Kölnerin, war 2024 noch dabei. Im Frühjahr 2026 ist auch sie gestorben.
Die Stifter werden fehlen, wenn ihre Sammlung endlich im Erweiterungsbau glänzt. „Es wäre zu wünschen gewesen, dass sie das noch hätten erleben können“, meint Dekiert. Er erinnert sich an viele Gespräche mit den Corbouds: „Es war für sie alles andere als eine leichte Zeit. Aber sie sind uns bis zuletzt gewogen geblieben und waren sicher: Hier ist der richtige Ort für unsere Bilder.“
Drücken wir Rubens und seinen Freunden den Daumen, dass sie bald wieder da sind! In diesem Sinne grüßt Sie herzlich
Ihr
Raimund Neuß
Eine Erinnerung: Gleich nach den Sommerferien laden der Kölnern Presseclub und die Kanzlei Görg zum Gespräch mit dem Manager und Bestsellerautor Karl-Ludwig Kley ein. Kley spricht über Führung, Verantwortung und über das 100 Jahre alte Kölner (!) Unternehmen Lufthansa, dessen Aufsichtsratschef er bis Mitte des Jahres war. Anmeldungen: info@koelner-presseclub.de