Newsletter vom 30.09.2022

Krankenhäuser am Tropf – Droht ein Kliniksterben?
Explodierende Energiekosten bedrohen unser Gesundheitswesen existentiell

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

die Diagnose ist ebenso banal wie besorgniserregend: Für Krankenhäuser gibt es keine Intensivstationen. Dabei kämpfen sie nach zwei zehrenden Pandemiejahren gerade um ihr Überleben – und die Prognose ist in vielen Fällen nicht gut. Personell ausgeblutet, finanziell am Tropf, sind sie jetzt von einem weiteren lebensgefährlichen Virus befallen: Der Kostenexplosion. Die Preise für Energie, für Medizinprodukte und Dienstleister wie etwa Wäschereien explodieren. Aber anders als in den meisten anderen Branchen können die Kosten nicht einfach weitergegeben werden, die Preise für die Leistungen sind gedeckelt. Das heißt schlicht, dass erheblicher Mehraufwand nicht finanziert wird. Droht ein Versorgungskollaps im Gesundheitswesen?

„Dramatisch“ nennt Gunnar Schneider die Entwicklung. Er muss es wissen, denn er ist Geschäftsführer der Krankenhäuser der Augustinerinnen, zu denen das sog. Severinsklösterchen in der Südstadt gehört. Schon die Pandemie war eine Herausforderung, die die Erlöse bei gleichbleibenden Kosten geschmälert haben, weil ohnehin knappes Personal in Quarantäne musste und Operationen verschoben wurden. Jetzt sorgen verdreifachte Strom- und teilweise verzehnfachte Gaspreise für die nächste Schockwelle. Die von ihm verantworteten Häuser der Augustinerinnen (zu denen auch das Hildegardis-Krankenhaus in Lindenthal gehört) sind zwar ans Fernwärmenetz angeschlossen, sodass die aus dem Ruder laufenden Gaspreise erst mit zeitlicher Verzögerung zu Buche schlagen. Schneider rechnet bei den Energiepreisen nach 1,7 Millionen Euro im vorigen Jahr mit 4,5 Millionen im kommenden Jahr.

Gunnar Schneider, Geschäftsführer der Augustinerinnen Krankenhäuser

Quelle: Krankenhaus der Augustinerinnen

Eine besondere Krux ist natürlich, dass Energiesparen bei Kliniken äußerst begrenzt möglich ist. In den Krankenzimmern die Raumtemperatur zu senken verbietet sich ebenso wie das Ausschalten lebenserhaltender Geräte. Dennoch will Gunnar Schneider versuchen, mit Maßnahmen noch bis zu zehn Prozent einzusparen, aber „das wird man spüren.“ Allerdings  soll das im „patientenfernen Bereich“ geschehen, ergänzt er schnell. „Das kann allerdings kein Krankenhaus über längere Zeit durchhalten.“

Ein Thema, nach Gunnar Schneider „das Problem schlechthin“, ist die Personalsituation. Während der Bedarf an medizinischer Versorgung durch den demografischen Wandelimmer mehr Alte bei immer weniger Jungen – wächst, fehlen zunehmend Fach- und Arbeitskräfte. Das trifft die Kliniken hart. „Wir haben große Schwierigkeiten, die freien Stellen zu besetzen“, sagt Schneider. Eine andere Verteilung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung sieht er als Schlüssel, mit diesem Mangel durch den Alltag zu kommen, zumal es schon in den letzten Jahren den Trend gab, dass die Verweildauer im Krankenhaus kürzer geworden ist dank des medizinischen Fortschritts.

Das Severinsklösterchen im Herzen der Südstadt

Bild: Michael Hirz

An die Zauberkraft der Digitalisierung, die alles billiger und besser machen soll und auf die Gesundheitsminister Karl Lauterbach setzt, mag Gunnar Schneider nicht so recht zu glauben: „Die Telematikinfrastruktur, die seit ungefähr 15 Jahren aufgebaut wird, ist ein Rohrkrepierer.“ Über dieses System, eine Art Datenautobahn, die alle Akteure des Gesundheitssystems vernetzen soll, laufe nichts. Offensichtlich nutzt Lauterbach dieses Instrument aus der politischen Illusionskiste, um Beitragszahler wie Leistungserbringer erst einmal zu beruhigen.

Für das Severinsklösterchen (und auch das Hildegardis-Krankenhaus) ist Gunnar Schneider nicht pessimistisch. Die Häuser seien gut und solide aufgestellt. Aber es bleibt die Erkenntnis, dass es ohne finanzielle Hilfe der Politik nicht geht – und Politik heißt in diesem Fall, dass die Staatskasse für einen finanziellen Rettungsschirm sorgen muss. Hoffen wir, dass das rechtzeitig gelingt.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,Ihr

Michael Hirz