NEWSLETTER 06.03.2026

Wie der Abschied von der gewohnten Kölnischen Rundschau die publizistische DNA der Stadt verändert und wann die Gratiskultur hier Einzug hielt

  

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

die Emotionen kochen hoch. Die Kölnische Rundschau (KR), wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Der Titel bleibt – wird aber ab 1. April vom früheren Konkurrenten, dem Kölner Stadt-Anzeiger, gestaltet. Diese Nachricht hat mich kalt erwischt, als ich nach einer längeren Reise zurückkehrte. Es ist nicht allein der Wegfall von Arbeitsplätzen und die Frage vieler Journalistinnen und Journalisten, ob oder wie es für sie weitergeht. Es ist ein Einschnitt in die publizistische DNA dieser Stadt. 

Mehr als 40 Jahre habe ich für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet, viele Jahre davon als Chefredakteur. Die Kölnische Rundschau war für uns ein Konkurrent auf Augenhöhe. Wettbewerber um die aktuelle Geschichte, das bessere Foto, die andere Haltung. Ihre Auflage lag deutlich unter unserer. Doch journalistische Konkurrenz bemisst sich nicht in Zahlen, sondern in Nachrichten, Geschichten, Schlagzeilen, in Anerkennung und Selbstverständnis. Mein erster Blick am Morgen galt seinerzeit nicht der eigenen Titelseite. Die kannte ich bereits. Ebenso die des EXPRESS. Aber was hatte die Rundschau und was hatten wir nicht?

Unvergessen der Tag, als ich in der Konkurrenz aus der Stolkgasse – dort sitzt die KR-Redaktion – lesen musste, dass die U-Bahn der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), die den Dom unterquert, diesen zum Wackeln bringe. Zähneknirschend mussten wir „nachziehen“, wie man bei solchen Geschichten sagt. Das ist inzwischen mehr als 13 Jahre her. Die Welt hat sich weitergedreht und nicht zugunsten gedruckter regionaler Medien oder überhaupt der verfassten Medienwelt, wie wir sie kennen.

Um im Printbereich zu bleiben: Weltweit verschwinden regionale Titel vom Markt. In den USA kämpfen große Häuser in Chicago, Los Angeles, Boston oder der Hauptstadt um ihre Zukunft. Die The Washington Post, ein Blatt von internationalem Rang, steht wirtschaftlich unter massivem Druck. Wenn solche Institutionen wanken, ahnt man, wie fragil das Fundament geworden ist.

Auch bei uns in Köln und in ganz Deutschland erleben wir einen tiefgreifenden Wandel. RTL Deutschland baut hunderte Stellen ab. Zeitungshäuser schrumpfen im Norden wie im Süden der Republik. Redaktionen werden zusammengelegt, Verbünde gebildet. Und die öffentlich-rechtlichen Sender, also etwa ARD und ZDF, sehen sich zunehmender politischer und gesellschaftlicher De-Legitimierung ausgesetzt.

Wer aber wird uns künftig verlässlich mit Nachrichten versorgen? Was das Internet zum Nulltarif anbietet, ist häufig von Interessen Dritter geprägt. Nachrichten zu erstellen, kostet Geld. Niemand verschenkt solche Arbeit ohne Absicht. Der Konflikt um Ukraine und Iran in all seinen Facetten zeigt, wie komplex und vielschichtig das Geschehen ist. Und es ist immer wieder irritierend zu lesen, was interessengeleitete Akteure auf ihren Plattformen beisteuern.

Was hat das mit der Kölnischen Rundschau zu tun? Nachrichten und Kommentare im Lokalen und Regionalen zu recherchieren, ist besonders anspruchsvoll. Hier gibt es keine Agenturen oder Syndikate, die im Alltag einspringen. Hier muss nachgeprüft, besprochen und fotografiert werden. Lokale Leserinnen und Leser sind kritisch, weil sie nah dran sind und Fehler erkennen. Es geht um ihre Welt, wie sie sie kennen. Kein Wunder also, dass diese Berichte nicht zum Nulltarif zu haben sind. Anders gesagt: Wer Zeitungen lesen will – gedruckt oder als E-Paper –, muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Und wer im Netz lautstark über die Kölner Entwicklungen urteilt, darf sich fragen, ob er oder sie selbst etwas zum Erhalt dieser Medienwelt beiträgt.

Gleichzeitig sollten wir nüchtern bleiben, denn der Wandel ist global. Digitale Plattformen haben die Werbemärkte verändert. Aufmerksamkeit ist fragmentiert, Zahlungsbereitschaft begrenzt. Wer heute eine Redaktion finanzieren will, braucht neue Modelle, neue Ideen, neue Bündnisse. Der jetzige Moment ist deshalb nicht nur ein schmerzlicher Abschied, sondern auch ein weiterer Weckruf: für Verlage, neue Wege zu gehen; für die Politik, faire Rahmenbedingungen zu schaffen; und für uns alle, zu entscheiden, welchen Journalismus wir uns leisten wollen – und welchen nicht. Pauschale Boykottaufrufe oder einfache Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. 

Zwei Randnotizen mögen das unterstreichen. Der Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) richtete mahnende Worte an die Kölner Zeitungshäuser. Daran ist nichts falsch, auch wenn sie angesichts des langfristigen Trends wohlfeil wirken. Zur Wahrheit gehört auch, dass die SPD selbst in Köln zur Jahrtausendwende der medialen Gratiskultur buchstäblich die Stadttore öffnete. Der norwegische Schibsted-Konzern wurde eingeladen, sein Blatt „20 Minuten“ am Rhein zu verteilen. Zudem gewährten die Kölner Verkehrsbetriebe dem neuen Angebot exklusiven Zugang zu Bahnsteigen sowie zu Bahnen und Bussen. Gewinner kannte dieser Zeitungskrieg am Ende nicht.

Als mein früherer Arbeitgeber seine eigene Druckerei auf drastische Weise schloss, wie viele andere Häuser in dieser Republik auch, riefen manche zum Boykott der Kölner Zeitungen auf, als sei eine Zeitung ein Gut, das unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen existiert. An der Spitze der Bewegung fand man Musikgruppen wie Paveier oder Brings, die mit ihren Liedern zum kulturellen Inventar der Stadt gehören. Ihrer Sache haben sie kaum gedient. Welcher Betrieb, der unter Druck steht, wird durch Boykott-Aufrufe stabiler?

 Die Krokodilstränen einer Gesellschaft, die Informationen zum Nulltarif konsumieren möchte, ändern am tiefgreifenden Umbruch nichts. Und bevor wieder Boykotteritis ausbricht: vorher über ein Zeitungsabo nachdenken. Es kann ja digital sein.

 

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 27.02.2026

Während Köln über einen weiteren Stadtbahn-Tunnel streitet, plant die Deutsche Bahn ein Projekt mit ähnlichen Ausmaßen. 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

im regionalen Bahnverkehr soll vieles besser werden. Nicht sofort. Aber in etwa zwei Jahrzehnten. Das hört sich weit weg an, stellt bei Großprojekten dieser Art mittlerweile wohl eher einen Wimpernschlag in der Verkehrsgeschichte dar. Köln soll nicht nur eine Ost-West-Achse im innerstädtischen Stadtbahn-Verkehr bekommen, sondern auch eine „Westspange“ für die neue S-Bahn.

Diese ist so großflächig geplant, dass sogar der Name geändert wird – von „S-Bahn Köln“ zu „S-Bahn Rheinland“. Denn das Streckennetz sieht künftig viele Verbindungen weit über die Kölner Stadtgrenzen hinaus vor. Nach Bonn oder auch in die Eifel. Für den Ausbau bedeutet das nicht nur mehr Züge, sondern auch: mehr Haltestellen.

Im Kölner Westen und Süden soll sich das besonders bemerkbar machen. Drei neue S-Bahnhöfe sind für die „Westspange“ geplant: Moltkestraße/Aachener Straße, Weißhausstraße und Klettenberg. Zwei von ihnen sollen einen Anschluss an die KVB erhalten. An der Moltkestraße soll also neben dem geplanten Start des U-Bahn-Tunnels auch noch ein S-Bahnhof hinzukommen.

Während Köln mit dem Tunnel noch ringt und trotz aller politischen Beschlüsse immer wieder Zweifel an der Umsetzung aufkommen, ist aus meiner Sicht bei der Deutschen Bahn genau das Gegenteil der Fall – mit einem durchaus ambitionierten Zeitplan. Sie sagt, bis 2040 soll die „S-Bahn Rheinland“ umgesetzt sein. „Zusätzlich zu bestehenden Regionallinien soll zukünftig beispielsweise alle 20 Minuten die neue S-Bahn-Linie S 15 zwischen Köln und Kall in der Eifel fahren. Dafür wird die Eifelstrecke ab Hürth-Kalscheuren ebenfalls für die S-Bahn ausgebaut.“

Der Aus- und Neubau ist in der Eifel auch schon seit vielen Monaten zu beobachten, während die Arbeiten in Köln wenig bis kaum sichtbar sind. Auf der mehr als 100 Kilometer langen Strecke bis nach Trier werden massive Betonfundamente gegossen, damit dort später Masten für Oberleitungen befestigt werden können. Nach der Flutkatastrophe 2021 ist die Strecke zwar wieder befahrbar, wird aber immer noch mit Dieselzügen betrieben. Das soll sich mit den S-Bahnen ändern.

Wie aber sollen noch mehr Züge zu mehr Angebot führen, das auch noch pünktlich ist? Die Bahn setzt hierbei darauf, dass die Regionalzüge künftig eigene Gleise bekommen. „Aktuell teilen sich auf der stark befahrenen Strecke zwischen Köln Hansaring und Hürth-Kalscheuren der Fern-, Güter- und Regionalverkehr die Gleise. Das führt zu Engpässen und Verspätungen. Durch den Ausbau der Westspange wird die Strecke zukünftig über zwei eigene S-Bahn-Gleise verfügen„, heißt es. Mit der separaten Infrastruktur für die S-Bahn werde eine Entflechtung der verschiedenen Verkehre möglich – das sorge dann letztlich für weniger Verspätungen. Die beiden Punkte „Stabiler Fahrplan“ und „Zuverlässiger Bahnbetrieb“ werden als Hauptziele der Bahn für die neue Strecke im Kölner Westen genannt.

Die neuen S-Bahnen, die auf der „Westspange“ verkehren sollen, haben die Nummern 15, 16 und 17. Sie sollen innerstädtisch alle zehn Minuten fahren – außerhalb im 20 Minuten-Takt. Das klingt für Sie alles zu schön, um wahr zu sein? Die Bahn hat die Zukunftsszenarien animiert und lässt somit einen Blick ins Jahr 2040 zu. Schauen Sie hier mal nach!

Für die Anwohner soll sich auch etwas verbessern. So soll ein neuer Schallschutz vor allem dafür sorgen, dass die rumpelnden Güterzüge in den Kölner Nächten weniger ratternd zu hören sind. Letztlich soll die „Westspange“ die Verbindung schlechthin zur Stadtbahn und zu den Buslinien der KVB sein. Und da sind wir dann wieder beim umstrittenen U-Bahn-Tunnel angekommen. Ob er nun kommt? Neue Antworten gibt es vielleicht von Oberbürgermeister Burmester, wenn er am 24. März im Kölner Presseclub ist!

Bis dahin verbleibe ich mit aufbauenden Grüßen

 

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 20.02.2026

Über Köln als Pilgerort, die Weltkarte des Filmgeschäfts und vom Sein des Scheins

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

will man mal – nur ein ganz kleines bisschen – übertreiben, könnte man sagen: Die Film- und Medienstiftung NRW (FMS) reist in diesem Jahr nicht zur Berlinale, sie zieht dort ein. Elf geförderte Produktionen in den offiziellen Festival-Reihen, zwei davon im Wettbewerb, sind nicht nur eine Visitenkarte, sie sind ein selbstbewusstes Statement und ein Beleg für die Stärke des Medien-Standorts Nordrhein-Westfalen. Die Tatsache, dass zwei Beiträge um den begehrten „Goldenen Bären“ im Rennen sind, zeigt, dass die Stiftung längst nicht mehr nur heimische Kulisse exportiert, sondern Stoffe und Handschriften mit internationaler Strahlkraft ermöglicht.

Erfreulich aus Kölner Sicht ist zudem, dass die ausgesprochen erfolgreiche Produktionsfirma Heimatfilm, die bereits 2010 den “Goldenen Bären“ gewonnen hat und mit Regie-Größen wie Margarethe von Trotta arbeitet, gleich mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten ist. Überhaupt ist Köln Heimstatt von Unternehmen aus der Medienwirtschaft, die außerhalb von Stadt und Region fast mehr gelten zu Hause. Auf der Weltkarte des internationalen Filmgeschäfts hat es Nordrhein-Westfalen mit der Filmstiftung geschafft, eine herausragende Adresse zu sein. Köln hat Tradition als weltberühmter Pilgerort, inzwischen auch für Produzenten und Regie-Stars.

Der diesjährige Auftritt der Filmstiftung auf einem der neben Cannes und Venedig wichtigsten Festivals findet zum Beginn eines Jahres statt, das ein kleines Jubiläum markiert: Am 22. Februar 1991, also vor exakt 35 Jahren, hoben der WDR und das Land NRW die Einrichtung aus der Taufe, später kamen noch das ZDF und RTL als Gesellschafter dazu. Inzwischen ist die Stiftung, die seit dem vergangenen Jahr in der Medienstadt Köln sitzt, eine wesentliche Säule der deutschen Filmwirtschaft.

Unzählige Produktionen und Preise haben das Land zwischen Rhein und Weser zu einem internationalen Hotspot der Branche werden lassen. So ist der Chef der Film- und Medienstiftung Walid Nakschbandi zurecht stolz darauf, dass sein Unternehmen auf der Berlinale gleich in mehreren Festival-Reihen prominent vertreten ist: „Diese enorme Vielfalt zeigt, wie kraftvoll, mutig und relevant das Filmschaffen aus NRW ist.“

Regie-Stars wie Wim Wenders (die Filmstiftung vergibt jährlich einen nach ihm benannten Preis) und Werner Herzog, internationale Größen wie Lars von Trier und David Lynch sind mit Region und Stiftung ebenso verbunden wie Tom Tykwer (“Lola rennt“ und „Babylon Berlin“). Die beeindruckende Liste ließe sich von Jane Campion („The Piano“) bis zu Joshua Oppenheimer fortsetzen.

Das folgt, das gehört natürlich zur Wahrheit dazu, einer strategischen Überlegung: Wer von der Stiftung gefördert wird, verpflichtet sich, dass ein Großteil dieser Mittel auch im Land ausgegeben werden müssen – zum Beispiel für die Miete der Kölner MMC-Studios im Stadtteil Ossendorf, die zu den größten ihrer Art in Europa gehören, für lokale Postproduktionsfirmen oder durch Drehs in der Region. Die Düsseldorfer Politik weiß natürlich um den wirtschaftlichen und kulturpolitischen Wert dieses Aushängeschildes. In der Tradition ihrer Vorgänger stützen und fördern Ministerpräsident Hendrik Wüst und sein umtriebiger Medienminister Nathanael Liminski die FMS.

Während an der Spree noch geschaut, gefeiert und genetzwerkt wird, geht der Blick von Walid Nakschbandi schon weiter. Seit dem ersten Halbjahr gilt eine neue Förderstrategie, beim glamourösen Filmfestival von Cannes ist ein repräsentativer, selbstbewusster Auftritt geplant und beim sogenannten Seriencamp im Juni werden wieder Gäste aus ganz Europa erwartet. Film, Fernsehen und Streaming sind, das zeigt die FMS, doch mehr als nur schöner Schein. 

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

 

Ihr

Michael Hirz

 

 

 

NEWSLETTER 13.02.2026

Willkommen in Köln und als Entrée für Touristen steht ein Plastik-Klo. Über den respektlosen Umgang mit dem Stadtraum

 

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

jetzt, zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag, ist Köln eine Ausnahmestadt. Dann wimmelt es von Jecken und von mobilen Toiletten. Batterien von Dixi-Klos, improvisierte Sanitärlösungen, doppelte Reihen an nahezu jeder Ecke: hässlich, ja. Aber in diesen Tagen notwendig. Problematisch wird es dort, wo der Ausnahmezustand zum Alltag wird.

Denn wer außerhalb der Session, ganz nüchtern und ohne Pappnase, mit dem Reise- oder Fernbus in Köln ankommt, steigt an der Gereonstraße aus und steht vor einem provisorischen Toilettenhäuschen aus Sperrholz.

Als mir davon kürzlich aus dem kirchlichen Umfeld berichtet wurde, war ich dort und konnte es kaum glauben. Das fünf Jahre alte WC-Provisorium wirkt, als habe man den Punkt „Sanitäres“ möglichst schnell abhaken wollen, ohne Rücksicht auf Umgebung, Wirkung oder Bedeutung dieses Stadtraums. Seit 2020 entsteht hier der Eindruck, die Stadt überlasse diesen Ort sich selbst und dem Plastik-Klo.

„Abartig und zum Fremdschämen“, beschreibt Dom- und Stadtdechant Robert Kleine mir gegenüber die Situation. Er spricht immer noch von einem „traurigen Entrée für eine Weltstadt“. Eine harte Formulierung und zugleich eine treffende Beschreibung dessen, was viele Ankommende hier erleben. Im Kölner Erzbistum herrscht Einigkeit: Dieser Zustand sollte endlich beendet oder zumindest professionell gelöst werden.  Zu den Kritikern zählt auch Kardinal Rainer Maria Woelki. Seit Jahren stört ihn, dass die provisorischen Toiletten in unmittelbarer Nähe des Edith-Stein-Denkmals liegen, welches an die von den Nationalsozialisten ermordete Ordensfrau erinnert.

Ähnlich deutlich äußert sich im Gespräch Dr. Ulrich Soénius, Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, der das vergammelte Konstrukt als Zumutung empfindet. Sein Büro liegt unmittelbar gegenüber des provisorischen „Entrées“. „Dieses Toilettenhäuschen wirkt wie ein Fremdkörper in einem architektonisch hochwertigen Ensemble und ist keine Visitenkarte für Köln“, sagt er. Und er präzisiert: „Das ist kein beliebiger Stadtraum. Wir befinden uns hier in einem historisch, kirchlich und städtebaulich hoch aufgeladenen Umfeld.“ Denkmalschutz, so seine Einordnung, beziehe sich eben nicht nur auf einzelne Gebäude, sondern auch auf Wirkung, Blickachsen und Atmosphäre – kurz: auf das Ganze.

Nur wenige Meter vom Sperrholz-WC entfernt steht ein Gebäudekomplex, der seit 1992 unter Denkmalschutz steht: das Erzbischöfliche Priesterseminar an der Gereonstraße/Kardinal-Frings-Straße. Ende der 1950er Jahre errichtet, wurde es in den vergangenen Jahren aufwendig saniert – in enger Abstimmung mit dem Stadtkonservator. Fassaden, Fenster, Materialien, Farbkonzepte: Jedes Detail wurde geprüft und genehmigt.  Drinnen wurde also mit großer Sorgfalt und erheblichem finanziellem Aufwand gearbeitet, um Substanz und Würde des denkmalgeschützten Ensembles zu bewahren. Draußen steht ein Sperrholz-Toilettenhäuschen, flankiert von wartenden Reisebussen. Dieser Gegensatz ist kaum zu vermitteln. Warum gilt der Anspruch des Denkmalschutzes nicht auch für den Stadtraum, den die Stadt selbst verantwortet? Genau hier liegt der Widerspruch, der viele Menschen zunehmend irritiert.

Der Haltepunkt an der Gereonstraße ist dabei keineswegs zufällig entstanden. Die Verlegung des Reisebusverkehrs weg von der Komödienstraße in Domnähe wurde damals mit dem Schutz dieser sensiblen Zone begründet: weniger Verkehr, mehr Ruhe rund um das Weltkulturerbe.

Wenn Köln seine Gäste empfängt, müsse das würdevoller und städtebaulich überzeugender gestaltet werden, fordert Dr. Ulrich Soénius. Zugleich betont er, dass er sich über die vielen Touristen freut, die in die Stadt kommen – auch wenn zeitweise bis zu 14 Busse gleichzeitig an der Gereonstraße stehen. Ein zusätzlicher Halteplatz könnte den Ansturm entzerren, schlägt er vor. Doch über mögliche Standorte wird seit Jahren diskutiert, ohne Ergebnis. Bleibt das Busterminal an dieser Stelle, braucht es zumindest moderne Toilettenanlagen im Umfeld und eine konsequente Kontrolle der Haltezeiten. Offiziell sind es 15 Minuten, faktisch überprüft wird das kaum. Alles wirkt wie eine Übergangslösung ohne Ablaufdatum. „Das Problem ist nicht nur das Provisorium allein“, sagt Soénius, „sondern, dass niemand mehr definiert, wann es endet.“

Auch aus der Wirtschaft kommt Kritik. Mit der Rückkehr der IHK an den Börsenplatz wächst die Erwartung an ein Umfeld, das dem Standort gerecht wird. Dr. Uwe Vetterlein, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, sagt: „Der Straßenzug vom Börsenplatz bis zur Gereonskirche zeigt den planlosen Umgang der Stadt mit wertvollem Stadtraum. Abgepollerte Parkplätze, die Bushaltestelle mit Klohäuschen vor dem Sitz des Erzbischofs und ungenutzte Verkehrsflächen machen den mangelnden Gestaltungswillen sichtbar. Dabei liegen längst umsetzbare Vorschläge für alternative Haltepunkte vor – die Stadt müsste sie nur einfach realisieren.“

Gerade an Orten des Ankommens entscheidet sich, welchen Anspruch Köln an sich selbst hat. Liebe Stadt, wenn nach Aschermittwoch die Dixis vom Karneval abgeräumt werden – bitte, nehmt das an der Gereonstraße gleich mit. Köln darf sich ruhig ein stilvolleres „Willkommen“ leisten. Schließlich haben Reisebusse längst eigene Toiletten an Bord. Warum also lassen wir mitten im Herzen der Stadt ein dauerhaftes Provisorium stehen? Ein bisschen weniger Plastik-Klo, ein bisschen mehr Würde – das wäre doch ein schöner Vorsatz für die Fastenzeit.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre
Claudia Hessel

 

NEWSLETTER 06.02.2026

Über neue Erkenntnisse zum Kölner Domschatz-Raub, welche Rolle Geheimagent 111 spielte und warum es 50 Jahre später immer noch Sicherheitslücken gibt

 

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

reden wir über den großen Reichtum unserer Stadt. Köln ist reich an Kunstschätzen von kaum messbarem Wert. Doch wie gut sind sie gesichert? Könnte sich ein krimineller Coup wie im Pariser Louvre hier wiederholen, wäre ein dreister Einbruch wie in das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst heute zu verhindern? Und würden Einbrecher wie vor 50 Jahren ungehindert in die Domschatzkammer gelangen?

Ein Rückblick auf den spektakulären Raub der Kölner Dom-Preziosen und darauf, wie er aufflog: Am 17. Juni 1976 wird auf der Nationalstraße 3, 20 Kilometer vor Zürich, ein Mercedes 200 mit dem Kennzeichen F-DL 306 nach einem Auffahrunfall von der Polizei untersucht. Hinter der Türverkleidung finden die Beamten Teile einer Monstranz, Edelsteine und eingeschmolzenes Gold – die Beute aus der Domschatzkammer. Die beiden Männer im Mercedes gestehen die Tat; der dritte Komplize wird kurz darauf in Mailand gefasst.

Was die drei nicht wussten – und was lange geheim gehalten wurde: Der Auffahrunfall war fingiert. Eine Falle, detailliert konzipiert von dem Undercover-Agenten Werner Mauss, beim BKA unter der Nummer 111 geführt. Erst jetzt, 50 Jahre später, bringen Recherchen neue Einzelheiten zu seiner Rolle ans Licht.

Der Kölner Journalist und frühere Spiegel-Redakteur Georg Bönisch war als junger Reporter für die Kölnische Rundschau am Tatort in der Domschatzkammer. Schon damals deckte er Versäumnisse der Behörden auf. Der Fall ließ ihn nie los. Für einen kürzlich erschienenen FAZ-Beitrag sprach er erstmals mit Werner Mauss über dessen Einsatz.

Haben sich daraus neue Erkenntnisse zum größte Kunstraub in Kölns Geschichte ergeben, frage ich Georg Bönisch. In Details ja, sagt er. Denn bislang sei nicht bekannt gewesen, „wie Mauss genau vorging, wie er sich selbst als international agierenden Großkriminellen Jacques inszenierte, um in die Kreise der Domräuber vorzudringen“. Mit größter Raffinesse habe es der Geheimagent geschafft, „das Misstrauen der gesuchten Täter aufzuweichen und sie aus der Deckung zu locken“. So habe er ihnen etwa den Auftrag erteilt, angeblich gestohlene Kunstwerke aus rheinischen Museen ins Ausland zu transportieren. Um glaubwürdig zu wirken, operierte Mauss sogar mit echten Gemälden, als Leihgaben für einen ungewöhnlichen Zweck.

Am Ende bekam Köln seine Schätze zurück, vor allem den größten Teil der Dom-Juwelen. Doch gibt es einen nachhaltigen Lerneffekt aus diesem Fall? Einbruchsgelegenheiten während Baumaßnahmen – damals am Kölner Dom, zuletzt im Louvre – gehören bis heute zu den größten Schwachstellen der Sicherheitssysteme.

Der Deutsche Museumsbund hat nach jüngsten Fällen gemeinsam mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Sicherungsrichtlinien für Museen (VdS 3511) grundlegend überarbeitet. Im Mittelpunkt stehen eine gründliche Risikoanalyse sowie die Verzahnung technischer und organisatorischer Maßnahmen.

Was heißt das konkret? Darüber habe ich mit Torsten Cech, Sprecher für Sicherheit im Museumsbund gesprochen. „Sicherheit ist ein dauerhafter Prozess, der immer wieder überprüft und angepasst werden muss“, erläutert mir der Experte. Das sei umso wichtiger, je besser Kriminelle informiert seien. Längst zeigten Internet-Tutorials, wie etwa Bewegungsmelder zu umgehen sind.

Ob diese Sicherheitsrichtlinien in der Praxis jedoch überall umsetzbar und finanzierbar sind, ist eine andere Frage. Ein heikles Thema. Gespräche in rheinischen Museumskreisen zeigen: Zwar gebe es dank moderner Technik im Prinzip eine „gute Außenhautsicherung“, doch es fehle oft an Personal für „engmaschige Kontrollen“. Letztlich ist es eine Kostenfrage und beim Einsatz von Videokameras auch eine des Datenschutzes. „In Ländern wie Norwegen, Großbritannien oder den USA sind Exponate teils deutlich besser bewacht“, so Cech.

Die Kölner Stadtverwaltung äußert sich auf meine Anfrage hin zurückhaltend zur konkreten Sicherheitslage. Aus „sicherheitsrelevanten Gründen“ könne man nicht ins Detail gehen. Grundsätzlich aber biete die Richtlinie VdS 3511 „eine große Unterstützung bei der wiederholten Überprüfung der Museen auf potenzielle Sicherheitslücken und deren Behebung“.

Die Geschichte des Domschatzraubes ist damit noch nicht zu Ende. Für Georg Bönisch bleibt auch nach 50 Jahren eine zentrale Frage offen: Wie gelang es den Tätern, die Alarmanlage zu umgehen? Bönisch ist überzeugt: „Es muss ein Tippgeber beteiligt gewesen sein, der wusste, wie die Technik funktionierte.“ Warum dieser Verdacht damals versandete, bleibt eines der letzten ungelösten Rätsel dieses Kunstraub-Thrillers.

Vielleicht gibt es auch dazu eines Tages neue Erkenntnisse.

Herzlichst
Ihre
Cordula von Wysocki

 

NEWSLETTER 30.01.2026

Über Köln als Paradies, Bordsteine als Energiespender und chinesische Handyhersteller

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

natürlich fällt es nicht leicht, im Zusammenhang mit Köln von Überholspur zu reden. Schließlich führen alle Gedanken rund um die Verkehrslage (und Verkehrspolitik!) der Stadt in eine mittelschwere Depression. Doch bei der E-Mobilität hat sich Köln gemausert. Im Vergleich zu anderen Städten ist sie für die Besitzer von Elektroautos fast so etwas wie ein Paradies – nun ja, paradiesisch zumindest im statistischen Sinn. Denn kaum irgendwo sonst ist das Zahlenverhältnis von E-Autos zu Ladesäulen so günstig wie in Köln. Und der Ausbau hat, nach dem Start mit einer Tanksäule der RheinEnergie an einem Parkhaus in der Lungengasse im Jahr 2010, an Dynamik deutlich gewonnen.

Mit einem erfolgreichen Pilotprojekt ist Köln in einer Vorreiterrolle. Im Stadtteil Lindenthal testeten Rheinmetall, die RheinEnergie-Tochter TankE und die Kommune sog. Ladebordsteine, die platzsparend und stadtbildschonend das Aufladen von Fahrzeugen am Bordstein möglich machen. Das Verfahren ist jetzt serienreif und macht Schule. Für RheinEnergie-Chef Andreas Feicht ist „Elektromobilität ein zentrales Geschäftsfeld.“ Neben dem Ausbau der Ladeinfrastruktur setze man gemeinsam mit dem Partner The Mobility House auf „smarte, digitale Ladelösungen, die Energie- und Mobilitätswelt intelligent miteinander verbinden.

Zur ganzen Wahrheit – und die ist oft etwas weniger strahlend – gehört neben dem forcierten Ausbautempo natürlich, dass dieses günstige Verhältnis daran liegt, dass Kölner bei der Nutzung von E-Autos im Bundesvergleich eher zu den E-Muffeln gehören. Da liegen andere Städte wie Berlin, Hamburg und München deutlich vorne, von Autostädten wie Wolfsburg, Stuttgart oder Ingolstadt ganz zu schweigen. Jedoch führt kein Weg daran vorbei, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch ist.

Dabei stand der Name Köln einmal für automobile Zukunft. Mit der Ansiedlung der deutschen Ford-Werke – übrigens gegen starke Konkurrenz unter anderem aus Düsseldorf – bewies der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer visionären Weitblick. Damit begann eine rund hundertjährige Erfolgsstory, die Köln viele gut bezahlte Arbeitsplätze, Renommee und Steuereinnahmen brachte.

Die allerdings droht zu enden. Köln mit seinen Ford-Werken musste schmerzlich lernen, dass auch bestraft wird, wer zu früh kommt: Ford setzte am Rhein ganz auf die E-Mobilität. Doch die in Köln produzierten E-Modelle Capri und Explorer können auf dem insgesamt derzeit schwachen europäischen Markt einfach keine Käufer finden. Eine offensichtlich falsche Modellpolitik und ein kaufunlustiger Konsumentenmarkt gefährden den Standort existentiell.

Das gilt längst nicht mehr nur für Köln. Lange Zeit war Deutschland für viele in der Welt ein Synonym für das Autoland schlechthin. Aufstieg und Wohlstand des Landes gründen seit Jahrzehnten auf dem Erfolg von Mercedes und BMW, von VW und Porsche. Doch jetzt zeigen chinesische Smartphone-Hersteller wie Xiaomi, dass sie bessere Sportwagen bauen können als Porsche und das zum halben Preis, wie unabhängige Tests ergaben. Zusätzlich wird der Massenmarkt mit Marken wie BYD zu konkurrenzlos billigen Preisen geflutet. Das Elektro-Zeitalter macht es möglich. Es ist eine Revolution und die ist nie gemütlich.

Ist das Schicksal der deutschen Vorzeige-Branche das der Dinosaurier? Oder kann sie nochmal durchstarten, Innovationskraft mobilisieren, sich auch im neuen Zeitalter behaupten? Diese Fragen sind Thema im Kölner Presseclub am 5. Februar mit der Person, die wie keine zweite Einblick und Expertise in den Maschinenraum dieser Branche hat, nämlich mit Hildegard Müller, der Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Aus erster Hand können wir erfahren, wie zukunftsfähig die deutschen Autobauer sind, mit welchen Strategien sie aus der Krise fahren wollen. Anmeldungen zu diesem spannenden Abend bitte unter info@koelner-presseclub.de. Wir freuen uns auf Sie.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

 

 

NEWSLETTER 16.01.2026

Yad Vashem am Dom, aber kein Platz für das jüdische Theater Michoels in Köln? Über Alex Schneider, den Sisyphos vom Rhein.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wenn man mit Alex Schneider spricht, geht es vordergründig heiter zu. Der Leiter des jüdischen Theaters Michoels in Köln spricht voller Witz und Selbstironie, amüsiert sich offenbar über die Rolle, die er in dieser Stadt spielt. Das war schon so, als ich ihn vor langer Zeit kennenlernte. Dabei hätte er Grund, enttäuscht oder gar verärgert zu sein.

Seit fast drei Jahrzehnten versucht Alex Schneider in Köln eine Stätte für sein jüdisches Theater zu finden. Ganz praktisch: vier Wände, eine Bühne, einen Eingang, durch den Publikum kommt – und idealerweise auch wieder hinausgeht. 1997 gegründet, war das erste jüdische Theater-Ensemble der Nachkriegszeit in Deutschland ein Thema für die Medien. Bis in New York Times und Washington Post reichten die Berichte. Auf Köln fiel internationale Aufmerksamkeit.

„Wobei wir doch nur spielen und Spaß haben wollten“, lacht Scheider. Auch die Stadt begrüßte das Ensemble. Der damalige Oberbürgermeister Harry Blum (CDU), angetreten, Köln zu verändern, wollte ihm eine feste Spielstätte vermitteln. Für kurze Zeit gab es tatsächlich eine Bühne im Rheinauhafen. Dann wurde der neue Hafenkomplex gebaut und das Theater musste raus. Zurück durfte es nicht. Förderer Blum war, eine tragische Fußnote, wenige Monate nach Amtsantritt verstorben.

Was folgte, nennt Schneider eine Odyssee. Gastspiele in Schauspielhaus, Philharmonie, studio dumont, Rautenstrauch-Joest-Museum und immer wieder neue Interimslösungen. Spielstätten gab es viele. Dauerhaft war keine. Immer wieder Lob, Zustimmung, Sympathie. Schneider ist voller Geschichten von Zusagen, die platzten, Plänen, die „auf einem guten Weg“ waren und dann doch erfolglos blieben. Wie für Sisyphos in der griechischen Mythologie waren alle seine Kraftanstrengungen in dieser Stadt vergeblich.

2019 lag ein Plan für ein Theaterhaus in der City vor. Bauträger und Sponsor waren bei der Hand, Architektenentwurf und Betriebsplanung ebenso. Die Finanzierung stand also. Der Liegenschaftsausschuss befürwortete das Projekt. Dann kam, was man aus Köln kennt: Der Mut zur Entscheidung fehlte. Vertagen und liegenlassen war die Devise. Wie auch bei der historischen Mitte pulverisierten die über die Jahre gestiegenen Baupreise alle Planungen. Schneider erzählt das mit milder Ironie statt mit Zorn. Gut so, denn der hätte ihn sicher inzwischen verzehrt.

Nun bewirbt Köln sich um die deutsche Außenstelle der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, den zentralen Ort, der weltweit an die Judenvernichtung erinnert. Ein Gebäude direkt am Dom soll Bildungs- und Begegnungszentrum werden. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) nennt das Projekt eine Herzensangelegenheit. Köln wolle jüdisches Leben fördern und Antisemitismus mit Bildung bekämpfen. Das sind große Sätze und ich wünsche mir, dass sie Wirklichkeit werden. Denn wenn jüdisches Leben in dieser Stadt so ausdrücklich gewollt ist, dann hat vielleicht das jüdische Theater noch eine Chance.

Zu jüdischem Leben gehört Sorge um die Sicherheit. Die Sorge ist angesichts wachsender Übergriffe und offenem Antisemitismus gewachsen. Dabei geht es um den physischen Schutz von Synagogen, Schulen und Gemeindezentren, um etwas wie den Alltag jüdischer Bürger überhaupt erst zu ermöglichen. Köln macht da keine Ausnahme.

Die Synagoge an der Roonstraße steht unter konstanter Polizei-Aufsicht. Das jüdische Altenheim mit der benachbarten Schule in Ehrenfeld gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Dort habe ich hinter Zugangsschleusen Alex Schneider spielen sehen. Es wurde gesungen, gescherzt, erzählt. Ausschnitte aus eigenen Inszenierungen „Lea – ich gehe zu mir“ oder „Lachen bis der Rabbi kommt“ wurden aufgeführt. Wir lachten hinter Sicherheitsschranken, nicht-öffentlich und wohl behütet. 

Gedenken an den millionenfachen Judenmord funktioniert in Deutschland. Es ist organisiert, ritualisiert und fast möchte man es routiniert nennen, denn häufig treffen sich dieselben Personengruppen. Wer seine sieben Sinne beisammen hat, kann nur Scham und Verpflichtung empfinden. Andenken, Trauer und Betroffenheit sind echt, aber isoliert in Sälen, Kirchen oder Parlamenten. Doch mit lebendiger jüdischer Kultur ist es komplizierter. Sie ist vielgestaltig, gegenwärtig, kann widerspenstig und widersprüchlich sein. Sie steht für Zukunft. Vor allem aber muss sie öffentlich und spürbar werden.

„Wir dürfen über die Erinnerung nicht unsere Gegenwart vergessen“, sagt Andrei Kovacs. Eben um diese Gegenwart geht es dem Verein „Jüdisches Leben in Europa“, dessen deutsche Geschäftsstelle mit 19 Mitarbeitenden in Kürze in Köln aktiv wird mit Kovacs als Generalsekretär. Viele hier kennen ihn. Er steuerte als Geschäftsführer bereits 2021 das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Kovacs wirbt für ein „entkrampftes“ Miteinander und eine Zukunft, in der „kölsch und koscher“ gemeinsam genannt werden.

Insgeheim war Alex Schneiders Hoffnung auf ein Theater gesunken. Nun aber versucht er erneut, den Stein auf die Kuppe zu rollen, um nicht als Sisyphos zu enden, dem das nicht gelang.  Er hat an den Oberbürgermeister geschrieben. Freundlich und sachlich, wie es seine Art ist: Ob aus dem stets bezeugten guten Willen diesmal etwas Konkretes werden könnte?

Das würde das Werben um die Außenstelle von Yad Vashem überzeugender machen und wäre eine überraschende Wendung. Für Köln wäre sie überfällig.

 

Herzliche Grüsse

Ihr
Peter Pauls

NEWSLETTER 09.01.2026

Bau-Turbo im Leerlauf?  Zwischen Versprechen, Visionen und Baustellen entscheidet sich, ob Köln die Wende schafft

 

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

zunächst wünsche ich Ihnen allen ein frohes, gesundes und mutiges neues Jahr, in dem Köln beweisen kann, dass es nicht nur über Herausforderungen spricht, sondern jene auch entschlossen angeht.

Dies ist mein erster Newsletter als neue Vorsitzende unseres Clubs. Eine Aufgabe, die mich freut und verpflichtet. „Sagen, was ist.“ Dieser journalistische Grundsatz ist heute wichtiger denn je, weil er zu häufig von politischen Botschaften und gut gemeinten Narrativen überdeckt wird. Unser Anspruch ist klar: Der Kölner Presseclub bleibt eine unabhängige Stimme für diese Stadt. Kritisch, offen, aber auch konstruktiv. Denn Köln ist eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss – auch mit dem Guten.​

Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit und der vielleicht härteste Realitätstest für politische Handlungsfähigkeit. Zwischen steigenden Mieten, stockendem Neubau und ambitionierten Ankündigungen entscheidet sich, ob diese Stadt 2026 tatsächlich einen Wendepunkt erreicht oder ob sie weiter verwaltet, was längst aus dem Ruder läuft. Köln ist eine Stadt voller Versprechen und voller Baustellen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Vor diesem Hintergrund sprach ich mit Anton Bausinger. Er ist Bauunternehmer, engagierter Kölner und seit 2025 Vorstandsvorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins. „Köln baut zu langsam, zu teuer und oft an den Bedürfnissen vorbei“, sagt er nüchtern und man merkt, dass dahinter rund zwanzig Jahre Erfahrung und Kampf um Baupläne, Flächen und Verfahren stecken. „Nachverdichtung allein rettet uns nicht mehr.“ Bausinger sagt das nicht polemisch, sondern sachlich: Seit 20 Jahren reden wir darüber. Die Baulücken sind weitgehend geschlossen. Wir schaffen die benötigten 6.000 Wohnungen im Jahr niemals allein im Bestand.“

Die Zahlen geben ihm recht. Köln lag zuletzt bei rund einem Drittel dieser Zielmarke. Gleichzeitig wächst der Druck von außen: Rund 500.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt. Viele von ihnen, weil sie sich Wohnen in Köln nicht leisten können oder gar nichts finden. Bausingers Forderung: „Die Stadt muss neue Bauflächen ausweisen.“ Und weiter:Wir brauchen nicht noch mehr grundsätzliche Debatten über die Art und Weise der Flächennutzung. Wir brauchen eine Politik, die Zielkonflikte zwischen Wohnen, Klima und Stadtentwicklung offen benennt und aushält.“

Bausinger verliert sich weder in Abrechnungen über zehn Jahre Oberbürgermeisterin Reker, in denen trotz ehrlicher Ambitionen vieles liegen blieb, noch in pauschalen Klagen über die Verwaltung. Stattdessen richtet er den Blick nach vorn. Wie kann Köln jetzt Tempo aufnehmen? Als Bauunternehmer ist er bereit, dem neuen Stadtoberhaupt Torsten Burmester eine große Portion Vorschusslorbeeren zu geben. In der Hoffnung, dass er den Wandel schafft.

Dass es so nicht weitergeht, ist längst Konsens. Niedrigere Standards, schnellere Entscheidungen, klare Prioritäten werden seit Jahren von der Bauwirtschaft gefordert. Der Bund hat jetzt mit dem sogenannten Wohnungsbau-Turbo die Spielräume erweitert: Kommunen dürfen Verfahren beschleunigen, auf Bebauungspläne verzichten, schneller genehmigen. Das Werkzeug liegt also in Berlin auf dem Tisch. Doch hier in Köln haben wir ein Problem. Bausinger nennt es die Achillesferse der Stadt: fehlender politischer Durchgriff, zu wenig Personal, zu viele Reibungsverluste zwischen Anspruch und Vorschriften. Ein Turbo, der im Leerlauf läuft, bringt keine Wohnungen auf die Straße.

Die Kölner Wohnungswirtschaft – mit Unterstützung des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins – hat geliefert. Ein klarer Zehn-Punkte-Plan: mehr Tempo, mehr Flächen, mehr Digitalisierung, weniger Bürokratie. Und die Stadt? Sie leistet sich zunächst einen fast sechsmonatigen, rund 400.000 Euro teuren Dialogprozess zur Senkung der Baukosten. Ein Bau-Turbo mit angezogener Handbremse? Anton Bausinger macht Druck: „Jetzt zeigt sich, ob der Oberbürgermeister Wort hält. Ob der angekündigte Bau-Turbo endlich zündet und das Hamburger Einfach-Modell auch in Köln Realität wird.“

Besonders deutlich wird er beim Thema Stellplätze. Tiefgaragen seien einer der größten Kostentreiber im Wohnungsbau. Ein Stellplatz koste heute schnell 40.000 bis 70.000 Euro in Köln. Weniger Stellplätze zur Kostenreduzierung klingt zunächst gut. Doch ohne ÖPNV-Ausbau, Quartiersgaragen und echtes Mobilitätskonzept verlagert sich das Problem nur auf die Straße. Mehr Parkdruck, mehr Konflikte, mehr Frust. Auch das ist Kölner Realität.

Hinzu kommt ein schwer vermittelbarer Spagat: Einerseits will die Stadt billiger, einfacher, schneller Bauen. Andererseits erhöht sie ab 2026 die Grundsteuer. Wohnen wird für Eigentümer wie für Mieter teurer. Bausinger zeigt zwar Verständnis für die schwierige Haushaltslage. Aber eine Grundsteuererhöhung ist die falsche Stellschraube, sagt er. „Wenn die Belastungen steigen, müssen Genehmigungen schneller werden, Verfahren schlanker, Entscheidungen mutiger.“

Und dann gibt es im nächsten Jahr noch ein Thema, das mit Wohnraum zusammenhängt. Am 19. April 2026 entscheidet Köln per Ratsbürgerentscheid, ob sich die Stadt an einer gemeinsamen Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region für Olympische und Paralympische Spiele beteiligt. Großprojekte können Stadtentwicklung beschleunigen, neue Quartiere schaffen, Infrastruktur bündeln. Aber für den akuten Wohnraummangel kommt ein Ereignis wie Olympia in zwanzig Jahren zu spät.

In Zeiten in denen immer mehr Menschen den politischen Mehrheiten der vergangenen Jahre nicht mehr trauen und Verwaltungsversagen im Alltag spürbar wird – im Stau, bei der Wohnungssuche, auf verwahrlosten Plätzen – reicht es nicht mehr, auf Konzepte und ferne Großprojekte zu verweisen. Dann zählt, ob Beschlüsse endlich Wirkung entfalten. Was fehlt, ist also nicht Erkenntnis, sondern Konsequenz. Aber Köln ist – wie eingangs gesagt – eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss. Auch mit dem Guten.

Herzliche optimistische Grüße für 2026 sendet

Ihre Claudia Hessel

NEWSLETTER 19.12.2025

Wie sich ein Wunder zusammensetzt, das einen Vierjährigen zurück ins Leben führt – Ein Besuch in der Kinderpalliativstation des Klinikums Leverkusen

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Sie lesen heute eine Geschichte, die zu Weihnachten passt, wie ich meine, denn es geht um eine Art von Geburt. Auch wenn Sie zu Beginn zweifeln mögen – diese Zeilen nehmen eine gute Wendung.

Vor eineinhalb Monaten kam Niko (Name geändert) auf die Kinderpalliativstation im Klinikum Leverkusen. Sie heißt „Zeitinsel“ und soll ein Schutzraum für Kinder und Jugendliche mit schweren oder lebensverkürzenden Krankheiten sein, soll ihr Leiden erträglich machen oder ihre Lebensqualität verbessern. Und sie wendet sich auch an Eltern.

Niko ist vier Jahre alt, Vater und Mutter sind unbekannt. Niko kam mit einem schweren Hirndefekt zur Welt. Er ist blind, muss künstlich ernährt werden und wurde nach seiner Geburt in amtliche Obhut genommen. Bis zu seiner Ankunft in der Zeitinsel hatte nie jemand Zeit für ihn, geschweige denn ihm Zuwendung gegeben. Das Kind fiel als unruhig und aggressiv auf, wurde mit schweren Psychopharmaka ruhiggestellt. All das hinterließ Spuren. Als er nach Leverkusen kam, hatte er sich beinahe mit dem Schlauch für seine künstliche Ernährung stranguliert. Der kleine Junge schlug sich und andere, und er erbrach sich fortwährend.

Niko ist immer noch schwer krank. Doch er, der vorher nicht sprechen konnte, kann heute seinen Namen sagen. Dann klopft er sich an die Brust. „Er nimmt sich selber wahr,“ sagt Simone Vogel von der pflegerischen Stationsleitung. Sie und ihr Kollege Frédéric Brandenburg lassen es im Gespräch mit mir gelten, wenn ich die Verwandlung ein kleines Wunder nenne. So kommt es mir vor. Doch die beiden können präzise benennen, aus welchen einzelnen Schritten sich dieses Wunder zusammensetzt – Schritte, durch die ein kleiner Junge aus diesem Gefängnis von Krankheit, Schmerz, Aggression und Vernachlässigung befreit wurde.

Der neue Niko lacht, summt, ist mit Händen und Füßen an der Musiktherapie beteiligt, hat stehen gelernt und ein starkes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Wärme, wie er sie bisher nicht erhielt. „Ganz schnell ist er im Kuschelmodus“, sagt Dr. Dejan Vlajnic, der ärztliche Leiter. Und wie zur Bestätigung legt Niko seinen Kopf auf die Schulter des Arztes, als der ihn hochnimmt. Weil hier ein Kind den Weg ins Leben fand, passt Nikos Schicksal in die Weihnachtszeit. „Wir können sein Hirn nicht reparieren, aber sein Leid lindern,“ sagt Dr. Vlajnic.

Hinter dem Wunder steht ein Tag voller Untersuchungen. „Wenn sich ein ganzes Team einbringt, können wir helfen, wie das in einem normalen Krankenhaus aus Kapazitätsgründen nicht möglich ist,“ heißt es auf der Station. Auch die Ursache für sein körperliches Leiden fand sich an diesem Tag. Ein Schlauch, der Hirnwasser in Nikos Unterleib ableiten sollte, hatte sich gelöst, wie eine Röntgenaufnahme aufdeckte. Der Wasserdruck im Kopf muss dem Jungen unerträgliche Schmerzen bereitet haben.

In Niko stecke viel Potenzial sagen alle, die mit ihm zu tun haben. Das ist ein Team von Spezialisten wie Musik- und Ergotherapeuten, Palliativpflegern und Kinderpsychologen. „Vielleicht kann er eines Tages in einen besonderen Kindergarten oder zur Schule gehen“, meint Simone Vogel. „Kinder kommunizieren auf ihre eigene Art. Das kann nicht nur seine geistige Entwicklung anregen. Es bedeutet auch Teilhabe am öffentlichen Leben.“

Ob das Kinderheim, in dem Niko untergebracht ist, eine solch enge Betreuung leisten kann? Dort mag man ihn zwar, heißt es. Aber er ist einer unter 20. Bereits die Kinderstation eines Großstadtkrankenhauses war mit Niko dermaßen überfordert, dass sie ihn mit einem Fahrdienst unbehandelt in sein Kinderheim zurückschickte. Ideal für Niko sei eine Pflegefamilie, die sich an seinen Fortschritten freut, sagt Dr. Vlajnic.

 Wie alt Niko werden kann, dessen Krankheit fortschreitet? „Vielleicht acht, vielleicht 18 Jahre oder mehr“, antwortet Dr. Vlajnic. Drei Jahre arbeitete er in Datteln, an der zweiten Kinderpalliativstation, die es in NRW gibt, bevor er nach Leverkusen kam, das seine Station Ende August öffnete. Der Mediziner ist auch studierter evangelischer Theologe und ein Menschenfänger. Alle 40 Stellen der Zeitinsel sind trotz Fachkräftemangels besetzt.

„Es gibt keine hoffnungslosen Fälle“, sagt er und berichtet von einem Mädchen, das gerne geritten war und wegen akuten Leberversagens im Sterben lag. Die Eltern wünschten sich, dass ihr Kind noch einmal Kontakt mit einem Reittier habe. „Dann kam Karlchen“, erinnert sich der Mediziner. Das Therapiepony lief zu der Todkranken und stupste sie mit den Nüstern. Das Kind lächelte. Es lebt heute noch.

Stellen Sie sich die Frage, warum es so wenige Palliativstationen für Kinder gibt? Weil es ein Ding der Unmöglichkeit ist, Geld mit ihnen zu verdienen. Deshalb können sie nicht ohne Spenden arbeiten. Dafür ereignet sich dort mitunter, was ich ein Wunder nenne. 

Dieser Newsletter ist der letzte im Jahr 2025. Am 9. Oktober 2020, vor mehr als fünf Jahren, erschien der erste, modern aufbereitete Newsletter des Kölner Presseclubs. Er wächst beständig und findet neue Freunde. Der Newsletter war eine Folge von Corona, denn durch die Kontakteinschränkungen waren wir in Sorge, unsere Mitglieder und Freunde zu verlieren. Corona ging, doch der Newsletter blieb. Er etablierte sich schnell in Köln. Ich danke Ihnen allen für Ihre Treue.

Mit diesen Zeilen verabschiede ich mich als Vorsitzender des Kölner Presseclubs nach 13 Jahren im Vorstand. Nach unseren Weihnachtsferien, am Freitag, 9. Januar, begrüßt meine Nachfolgerin, Claudia Hessel, Sie mit dem ersten Newsletter des Jahres 2026. Und bereits am Montag, 12. Januar, laden wir Sie zum Jahresauftaktgespräch mit NRW-Minister Nathanael Liminski ein (siehe folgende Einladung). Dann übergeben wir das Amt symbolisch.

Ihnen und Ihren Familien wünsche ich frohe und unbeschwerte Festtage. Sollte Niko Ihnen noch durch den Kopf gehen und sie mehr wissen wollen, hier die Mailadresse der Zeitinsel: kinderpalliativ@klinikum-lev.de.

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 12.12.2025

Über Politik als Risikofaktor, Kölns OB Torsten Burmester und einen Domina-Effekt

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Prognosen, so sagte es der große Spötter Mark Twain, Prognosen werden dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Entsprechend vorsichtig sollte man sein, wenn man sich nicht ganz sicher ist. Doch Nicole Grünewald ist sich ganz sicher: „Der auf 2030 vorgezogene Kohleausstieg in NRW wird nicht kommen.“ Die Kölner IHK-Präsidentin gehört bekanntermaßen zur überschaubaren Fraktion Klartext in der öffentlichen Debatte. Aber sie unterfüttert ihre These mit triftigen Argumenten: Die Region lebt wirtschaftlich (und damit auch sozial) von energieintensiven Branchen, vor allem von der Chemie und dem Fahrzeugbau. Ohne verlässliche und bezahlbare Energie würde ihnen im Wortsinn der Stecker gezogen. Das sei allen klar und deshalb wird nach ihrer Einschätzung im kommenden Jahr die Notbremse gezogen, denn ein Ersatz für die grundlastfähige Braunkohle in Form von Gaskraftwerken, die übergangsweise die Versorgung übernehmen müssten, sei nicht ansatzweise in Sicht. Eine Deindustrialisierung, so muss man das verstehen, hilft der Umwelt auch nicht. Ein geordneter Umstieg schon.

Das allerdings wäre bitter nötig. „Wir erleben die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten“, diagnostiziert IHK-Präsidentin Grünewald, die für die mehr als 150.000 Mitglieder spricht. Gerade erst hat Ford einen weiteren Stellenabbau angekündigt, ein Unternehmen, von dem viele kleinere abhängig sind. Aber auch die anderen tragenden Säulen der regionalen Wirtschaft – also Chemie, Autoindustrie, Medien – sind im krisenhaften Umbruch. Lediglich die für Köln ebenfalls bedeutsame Versicherungsbranche schlage sich erfolgreich wacker. Die allgemeine Krise der deutschen Wirtschaft trifft Köln wegen seiner Struktur besonders hart.

Dass Köln wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verloren habe, sei „Made in Germany“, also hausgemacht. „Früher waren wir die Besten, die Schlauesten, die Innovativsten. Jetzt sind wir die, die sich selbst am meisten fesseln.“ Wie in der Geschichte des Gulliver sei es eine Unzahl von Restriktionen, die den Riesen am Boden hielten und die Kraft raubten.

In der Vergangenheit waren es vor allem die Bürokratie und der Fachkräftemangel, die von den Unternehmen als größtes Risiko gesehen wurde, „heute ist es die Politik – und das gab es vorher so noch nie!“. Auf allen Ebenen, von der Kommune über das Land bis zum Bund, habe die Politik Vertrauen versprielt. Die Erwartungen an die schwarz-rote Regierung Merz war nach dem Ampel-Chaos groß. Geblieben ist davon nichts, startete sie doch gleich mit einem Wortbruch bei der Schuldenaufnahme und trickst mit dem Investitionsprogramm, das jetzt zur Verschleierung von Haushaltslöchern missbraucht wird. Vom versprochenen Herbst der Reformen ist bislang auch wenig zu sehen. „Ich will nicht angelogen werden“, reagiert die bekennende Katholikin. Die Politik habe sich von der Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger, aber auch der Wirtschaft abgekoppelt. Es seien mittlerweile unterschiedliche Universen mit jeweils unterschiedlichen Regeln. Nach Grünewalds Beobachtung gebe es allenfalls bei kleinen Kommunen ein tätiges Verständnis für die Sorgen der dort ansässigen Unternehmen, schon aus Sorge um wegbrechende Gewerbesteuer.

In Köln stellt die streitbare Präsidentin aber mit Sorge ein ähnliches Phänomen wie im Bund fest. Das Handeln nach der Wahl konterkariere die Versprechungen von davor. Dass der neue Oberbürgermeister Torsten Burmester nach vollmundigen Ankündigungen als quasi erste Amtshandlung die Grundsteuer erhöhe, schreddere Vertrauen. Dass die Wirtschaft, – anders als versprochen – nicht unter den wichtigsten Themen in der Kölner Politik rangiere, zeige sich auch daran, dass der Vorsitz des städtischen Wirtschaftsausschusses an die AfD gegangen sei – ein Beleg dafür, dass es für die anderen Parteien nicht prioritär scheint. Denn wirtschaftlichen Sachverstand kann sie bei der AfD nicht erkennen. Auch bei weiteren Themen wie etwa dem Umgang mit dem beispielhaften Problemfall Neumarkt rücke Burmester schon wieder ab. Das grundsätzliche Problem der Politik sei das Denken in kurzen Zeitspannen, also bis zur nächsten Wahl. Wer reformiere oder saniere, verspiele Popularität. Wer Probleme auf eine Zukunft nach der eigenen Amtszeit verschiebe, werde belohnt.

Jede Wahrheit braucht einen, der sie ausspricht. Diese nur begrenzt applausfähige Rolle füllt die couragierte IHK-Präsidentin geradezu lustvoll aus. Sie gehört zu der seltenen Spezies, die auf Gefahr mit gesteigertem Kampfesmut reagiert. Resignation sei keine Option Nach wie vor gebe es viel Kompetenz, Kreativität und Überlebenswillen in den meisten Unternehmen. Und so gibt sie weiter die kraftvolle und strenge Mahnerin an die Adresse der Politik – und setzt, um scherzhaft zu enden, gewissermaßen auf einen Domina-Effekt.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz