NEWSLETTER 14.03.2025

Köln vor der Wahl: Wer kann die größte Stadt in NRW wieder auf Kurs bringen und vor allem wie?

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

die Bundestagwahl ist vorbei. Doch am 14. September 2025 haben die Bürgerinnen und Bürger Kölns wieder die Wahl: Wer wird die neue Oberbürgermeisterin oder der neue Oberbürgermeister? Gleichzeitig wird der Stadtrat neu gewählt – und damit die politischen Mehrheiten, die das Schicksal Kölns in den kommenden Jahren bestimmen werden. Ein Blick auf die vergangene Wahlbeteiligung macht deutlich, wie schwer es der Kommunalpolitik fällt, die Menschen zu mobilisieren: Bei der letzten Kommunalwahl 2020 gaben gerade einmal 51,3 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Noch dramatischer sah es bei der entscheidenden Stichwahl zur Oberbürgermeisterin aus: nur 36,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Doch wieso ist die Wahlbeteiligung so gering, wenn es doch um die Zukunft unserer Stadt geht? Vielleicht liegt es daran, dass viele den Eindruck haben, in Köln ändere sich sowieso nichts. Woran hapert es mit der Umsetzung in Köln?

Kölns Stadtverwaltung ist ein gewaltiger Apparat mit mehr als 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie sind das Rückgrat der Stadt – doch intern herrscht Frust. Laut Aussagen von Mitarbeitern gibt es zu viele bürokratische Hürden, eine schleppende Digitalisierung und eine fehlende Planungssicherheit sowie mangelnde Kommunikation. Das Hauptproblem in Köln liege jedoch nicht nur im Verwaltungsapparat selbst, sondern auch in der politischen Einflussnahme. Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister könnten noch so viele gute Ideen haben – solange jede Entscheidung vom Rat und zudem von parteitaktischen Manövern beeinflusst wird, bleibt der Apparat schwerfällig. Selbst erfahrene Verwaltungschefs wie Jürgen Roters oder Henriette Reker seien daran gescheitert – alles Stimmungsbilder, die ich in Gesprächen bei der traditionellen Netzwerkveranstaltung von Arbeitgeber Köln und NetCologne vor wenigen Tagen einfangen konnte. Tendenz: In Köln ist viel Sand im Getriebe.

Ändert sich das im kommenden Herbst? Neue Besen kehren gut, heißt es, aber wer von den Kandidaten hat wirklich das Potential, die Prozesse von innen heraus zu verbessern? Ein kurzes Meinungsbild:  Berivan Aymaz (Grüne) – Seit 2017 im NRW-Landtag, aktuell Vizepräsidentin. Kommt sympathisch rüber. Aber: Hat sie das Know-how, eine riesige Verwaltung zu führen? Markus Greitemann (CDU) – Hat in der freien Wirtschaft gearbeitet.  Zurzeit ist er als Beigeordneter für Planen und Bauen mitten im Verwaltungsgeschehen. Er weiß, wo die Blockaden liegen – aber kann er sie auch entfernen? Greitemann gilt als sachlich und klar. Doch reicht das, um sich in der Verwaltung und im Rat durchzusetzen?  Torsten Burmester (SPD) – Er war Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes und Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium. Verwaltungserfahrung? Ja. Politische Durchsetzungskraft? Offen. Seine Website verspricht jedenfalls viel, kann er das auch in Köln umsetzten? Volker Görzel (FDP) – Rechtsanwalt und Lokalpolitiker. Kennt die Hürden der Stadtpolitik, hat aber keine Erfahrung in der Führung großer Verwaltungen. Roberto Campione (KSG) – Der Quereinsteiger mit Unternehmergeist. Er bringt frischen Wind mit und kennt die Wirtschaftswelt. Unternehmer haben oft den Vorteil, pragmatische Lösungen zu finden. Doch Verwaltung ist nun mal keine Firma.  Auch ein Lehrer, ein Wissenschaftler und ein Pfarrer wollen die Stadtspitze übernehmen. Ihr Engagement verdient Respekt. Doch bleibt auch hier die Frage, ob sie über die Kompetenz verfügen, um eine Millionenstadt erfolgreich zu führen.

Wer auch immer ins Rathaus einzieht – wohlklingende Programme und politische Ambitionen allein werden nicht ausreichen. Entscheidend ist, ob die nächste Oberbürgermeisterin oder der nächste Oberbürgermeister auch Durchsetzungsvermögen besitzt. Deshalb müssen die Kandidatinnen und Kandidaten in diesem Wahlkampf genauer geprüft werden als je zuvor. Wer nur Probleme beschreibt, aber keine Strategie hat, um sie zu lösen, ist fehl am Platz. Wer von Verwaltungsmodernisierung spricht, aber nicht sagt, wie er oder sie politische Mehrheiten dafür gewinnen will, bleibt unglaubwürdig. Und wer bloß schöne Schlagworte liefert, aber keine echte Führungskompetenz mitbringt, wird Köln nicht voranbringen.

Verwaltung ist nicht sexy – aber unverzichtbar! Denn Verwaltung ist das Nervensystem einer Stadt – unsichtbar, aber lebenswichtig. Wer sie nicht fest im Griff hat, riskiert für Köln erneut Stillstand.

Wie immer mit hoffnungsvollen Grüßen,

Ihre

Claudia Hessel

NEWSLETTER 07.03.2025

Was das Kölner Kulturdezernat mit Verwahrlosung zu tun hat und an welcher Stelle der Stadt ein Gedächtnis fehlt   

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

eine Abwesenheit von Kultur, die an Verwahrlosung grenzt, entdeckte ich Ende des vergangenen Jahres beim Schlendern durch die Innenstadt. An der Richartzstr. 2 – 4, wo das Kulturdezernat seine Räume hatte, wies es auf seinen Umzug ins Deutzer Stadthaus auf die andere Rheinseite hin. Es tat das, als ginge es um eine halblegale Würstchenbude (siehe Foto) und als gebe es kein städtisches Gestaltungshandbuch, in dem detaillierte Empfehlungen für alles Erdenkliche stehen wie Straßenschilder, Bänke, Abfallbehälter oder Technikelemente.

„Der öffentliche Raum ist die Visitenkarte einer Stadt“, heißt es im Gestaltungshandbuch. Doch die amtliche Bastelei findet sich Monate später immer noch am Hauseingang, einsehbar von Passanten und Touristen. Wenn diese Hinterlassenschaft eine Visitenkarte des Dezernates ist, muss man sich über den schlechten Zustand von Kunst und Kultur in dieser Stadt nicht wundern. Zumal ohnehin von dicker Luft im Amt gesprochen wird. Kulturdezernent Stefan Charles, dem Deutz als Dienstsitz nicht zusage, habe sich citynahe städtische Räume gesichert, um weiter in der Innenstadt präsent sein zu können, heißt es.

Vor kurzem hatte Henriette Reker im Kölner Stadt-Anzeiger vor der zunehmenden Verwahrlosung Kölns gewarnt. Gleichzeitig stellte sie fest, der Einfluss einer Oberbürgermeisterin werde überschätzt. Das stand zwar in Widerspruch zu dem großen öffentlichen Aufschrei, den sie entfachte. Doch ganz klar zeigen die mit braunem Paketband notdürftig verklebten Alt-Briefkästen des Kulturamtes die Folgenlosigkeit der Debatte auf, welche die OB auslöste. Sie überstanden den kurzen Sturm und fielen nicht weiter auf.

Hilft Erkenntnis überall – nur nicht in Köln? Das habe ich Andreas Grosz vom KAP-Forum für Architektur & Stadtentwicklung gefragt. Anlass war eine Veranstaltungsfolge – „Kölner Perspektiven“ – zu einer möglichen Mobilitätsstruktur in Köln, die zehn Jahre zurückliegt. Herausragende Verkehrslösungen in europäischen Städten wurden damals präsentiert, hochkarätige Experten aus Kopenhagen, Stockholm, Wien, Mailand und Zürich stellten in Köln detailliert vor, wie zeitgemäße Verkehrspolitik aussehen kann.

Auch diese Initiative von „KAP-Forum“, Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln und Stadt blieb folgenlos. Bedauerlich, denn im Internet las man, wie nüchtern Kopenhagen trotz leerer Kassen seine Metro plante und finanzierte. Oder welche Rahmenstrategie in Wien formuliert wurde, um auf die Viertel heruntergebrochen zu werden. Man erfährt, wie strategisch Planer in Mailand vorgingen und wie konsequent Zürich auf effizienten öffentlichen Nahverkehr setzt. Verbindendes Element war, Lösungen mit allen am Straßenverkehr Beteiligten zu finden. In den Kölner Verkehrsversuchen, die oft zur reinen Machtdemonstration wie auf der Trankgasse verkamen, misslang das spektakulär. Schade. Die Erkenntnis hatte sich offenbar in den Falten des Internets verloren.

Andreas Grosz erkennt ein Muster darin. Ein Thema ploppe hoch, werde mit viel Diskussion verfolgt – nur um fallengelassen zu werden, sobald der nächste Aufreger wartet. Der neue Hype ist immer der bessere Hype. Allgemein formuliert: Es gibt in dieser Stadt kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Andreas Grosz, dessen viel beachtete Veranstaltungen Ergebnisse wie sonst ein Think Tank lieferten, wird nach Lage der Dinge den Erkenntnisstand nicht mehr erweitern. Die Stadt sagte die „Kölner Perspektiven“ – diesmal zu zirkulärem, also nachhaltigem Bauen – ohne jede Vorwarnung aus Kostengründen ab.

Eine weitere Grundlagenarbeit, diesmal zu Kunst im öffentlichen Raum, lieferte 2015 neben anderen Kay von Keitz mit „Der urbane Kongress“. Als ich in dem Buch blätterte, fiel mir auf, wie viele Kunstobjekte im Alltagsbild der Stadt präsent sind. Sie tun dem Auge gut und oft erzählen sie bei näherer Betrachtung Geschichten. Wie viel ärmer wäre Köln, gäbe es diese Kunst nicht. Es wäre, als würden in einem Wald die Vögel nicht mehr singen. Lieblingsorte sind für von Keitz das Büdchen-Denkmal am Kaiser-Wilhelm-Ring, ein unscheinbares Bodenmosaik oder die kinetische Skulptur an der Hohe Straße 124-126 am früheren Wormland-Haus.

In geführten Touren durch Köln, Dortmund oder Gelsenkirchen will er den Blick seiner TeilnehmerInnen schulen und Ihnen eine Stadt als Ganzes vorstellen. „Manchmal bin ich selber erstaunt, was es zu sehen gibt, wenn man nur an einer Fassade emporblickt,“ sagt er. Das Buch enthält eine Fülle von praktischen Beispielen und Handlungsempfehlungen. Damit lädt es ein, regelmäßig in die Hand genommen zu werden, um Kunst im öffentlichen Raum Beachtung und Respekt zu sichern.

Einiges aus dem Buch habe sich verstetigt, sagt der 59jährige. Aber so viel wird es doch nicht gewesen sein, denn Ende 2024 trat der Kunstbeirat der Stadt Köln, dessen Vorsitzender von Keitz war, geschlossen zurück. Der Beirat werde übergangen und ignoriert, sagte er bitter. Kritikpunkt war auch, zum Umgang der Stadt mit dem Objekt „Standortmitte“ am Kölner Verteilerkreis nicht gehört worden zu sein. Statt eine geplante Straßenbahnerweiterung dem Straßenverlauf anzupassen, hat das Kölner Mobilitätsdezernat geplant, als gäbe es dort die Kunst nicht.

Fehlenden Respekt in diesem wie in anderen Fällen beklagt eine Kulturinitiative (www.standortmitte.de). Am Sonntag, 30. März, 11.30 Uhr, wird im Odeon Kino der Film „Standortmitte, Die Erkundung der Strecke zwischen Köln und Bonn“ von Gerhard Schick gezeigt (Dauer 45 Minuten, Eintritt zehn Euro). Im Anschluss findet ein Gespräch mit dem Künstler statt. Auch diese Stele ist ein Lieblingsort von Kay von Keitz.

Respekt ist wichtig. Auch vor der eigenen Aufgabe. Das zeigt das Kulturdezernat. Die Form von Respektlosigkeit gegenüber der eigenen Institution zeigt, wohin das führen kann.

 

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 28.02.2025

Karneval lebt nicht nur vom Feiern, sondern auch vom Aufräumen. Die AWB ist im Dauereinsatz.

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

nach so manchen Nachtdienst ist mir an den großen Karnevaltagen im Jahr eine Besonderheit aufgefallen: viele Straßen sind am späten Abend von den Hinterlassenschaften einer feiernden Stadt geprägt. Doch am nächsten Morgen glänzen sie, als wäre nichts gewesen! Zu verdanken ist dies den hunderten Beschäftigten der Kölner Abfallwirtschaft, AWB.

Bei dem städtischen Unternehmen läuft der Betrieb derzeit sieben Tage am Stück rund um die Uhr. Um das zu planen, hat sich die AWB für „Eventmanager“ wie Gerhard Bittdorf entschieden. Er arbeitet seit 42 Jahren im Beruf. Schon vor Weihnachten fing er an Personal, Fahrzeuge und die gesamte Infrastruktur zu planen.

Das Ergebnis seiner Arbeit lässt sich nun seit vorgestern beobachten: am Mittwoch wurden 1.000 sogenannte Event-Tonnen in der gesamten Stadt aufgestellt. Das sind Mülltonnen mit einem Fassungsvermögen von 240 Litern. Hinzu kommen Glastonnen, die meist schon an den Eingängen zu neuralgischen Plätzen wie der Zülpicher Straße aufgestellt sind. Viele Flaschen werden dort direkt entsorgt, bevor sie zwischen den Füßen von Menschenmassen landen. Insgesamt hätten viele Kölner sich schon daran gewöhnt, dass Glasflaschen an Karneval besser zu Hause bleiben. Das Problem mit den Glasscherben, und die vielen Verletzungen dadurch, seien in den vergangenen Jahren schon konstant zurückgegangen.

Den meisten Aufwand betreibt die AWB nicht am Rosenmontag, sondern am Tag zuvor. Mit den Schull- und Veedelszöch gibt es an einem Tag die meisten der insgesamt 76 Umzüge in der Stadt. So werden am Sonntag fast 500 Beschäftigte von der AWB im Einsatz sein, am Rosenmontag sind es erstaunlicherweise etwa 100 weniger. Da fährt übrigens ein großer Reinigungstrupp dem Prinzen direkt hinterher. Der letzte Wagen im Rosenmontag ist also nicht der Prinz. Es ist die AWB.

Eine Urlaubssperre sei für seine Leute während in der heißen Karnevalszeit nicht nötig, sagt Eventmanager Gerhard Bittorf. In der Belegschaft sei es selbstverständlich, an Karneval zu arbeiten und sich mit einem „AWB, Alaaf!“ auch mal von den Tribünen aus feiern zu lassen. Generell spüre man in diesen Tagen in der gesamten Stadt eine sehr große Wertschätzung für die Arbeit der AWB, sagt Bittorf.

Der auf den Straßen eingesammelten Müll, so genannter Kehricht, wird im Anschluss nicht sortiert, getrennt und recycelt. Der Aufwand wäre zu groß und unverhältnismäßig. Die Hinterlassenschaften des Karnevals landen in der Restmüllverbrennungsanlage, RMVA . Diese kann Strom für bis zu 100.000 Haushalte erzeugen. Kamelle aus der Steckdose, sozusagen – ein Kreislauf, der in keiner anderen Stadt zu finden sein dürfte.

Am Tag nach Aschermittwoch lege ich Ihnen dann einen besonderen Termin des Kölner Presseclub ans Herz: bei uns ist Carmen Thomas zu Gast. Sie war für den WDR eine herausragende Persönlichkeit, was die Nähe zum Hörer angeht. Mit der damaligen Sendung „Hallo Ü-Wagen“ prägte sie auch so manche politische Diskussion im Land. Egal, ob Zuschauer, Hörer oder Leser: mittlerweile gehen viele Medienhäuser wieder der Frage nach, wie sie denn mehr Nähe zur Bevölkerung aufbauen können. Ist das nicht interessant, 50 Jahre nachdem die Sendung „Hallo Ü-Wagen“ erstmals onair ging? Insofern freue ich mich auf Geschichten von früher mit Carmen Thomas und ihren Blick auf die Medienschaffenden von heute. Zur Anmeldung geht es hier.

Ich wünsche Ihnen schöne Karnevalstage!

Herzlichst
Ihr David Rühl

NEWSLETTER 21.02.2025

Über ehrgeizlose Städte,
verwegene Projekte und
die Strahlkraft von Literatur 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

zu den liebevoll gepflegten Vorurteilen über Köln gehört es, dass die Stadt als ehrgeizlos gilt – warum anstrengen, wenn man doch den Dom hat. Und den Karneval. Doch wie alle Klischees stimmt das so natürlich nicht – oder meinetwegen nicht ganz. Denn die Stadt hat immer wieder bewiesen, dass sie auch Heimat für ambitionierte – und erfolgreiche – Projekte sein kann, die weit über Köln hinaus strahlen. Ein Beispiel aus der Kultur, weil die es gerade besonders schwer hat, zeigt, was Ideenreichtum, Engagement und Risikobereitschaft vermögen: die lit.Cologne, mittlerweile mit mehr als 100.000 Besucherinnen und Besuchern das größte Literaturfestival Europas. In diesem Frühjahr feiert die li.Cologne ihr 25-jähriges Bestehen.

Was nach einem viertel Jahrhundert selbstverständlich (und im Rheinland als lange Tradition) erscheint, war bei der Gründung irgendetwas zwischen verwegen und tollkühn: Nach dem Vorbild glamouröser Filmfestspiele wollte das Gründungs-Duo Werner Köhler und Rainer Osnowski der Literatur ebenfalls eine große Bühne schaffen, mit den Autorinnen und Autoren als Stars auf dem Roten Teppich, mit ungewöhnlich interessanten Locations bis hin zum Dom, wo es unter dem Titel „Das Buch der Bücher in der Kirche der Kirchen“ eine spektakuläre Lesung gab. Für die Buch-Branche mit ihrem introvertierten Image nichts weniger als eine kleine Revolution. Aber konnte das funktionieren?

Aber ja, und wie! Ich muss gestehen, dass ich das damals für ebenso sympathisch wie aussichtslos hielt – und das den Gründern auch sagte. Ein gewaltiger Irrtum. Schon beim Start zeigte sich das Publikum begeistert, pilgerte scharenweise zu Autorinnen und Autoren, die es sonst gewohnt waren, in Volkshochschulen und Büchereien zu lesen, also in bescheiden-überschaubarem Rahmen. Rainer Osnowski, heute alleiniger Geschäftsführer der lit.Cologne, erinnert sich im Gespräch an die Schwierigkeiten des Anfangs, als durch die wirtschaftlichen Turbulenzen in den Jahren 1999/2000 plötzlich potenzielle Sponsoren fehlten. Die waren nötig, weil das Projekt von vorneherein vom Publikum angenommen wurde.

Überhaupt das Publikum. „Köln hat ein neugieriges, kulturaffines Publikum“, begründet Osnowski die Wahl der Stadt als Festivalort. Es gebe eine große Aufgeschlossenheit, eine Freude am Austausch und daran, Begeisterung zu teilen. Es ist also auch diese feierstarke Lebensfreude, die die Wahl Kölns nicht zu einem Zufall gemacht hat.

Inzwischen ist die lit.Cologne längst volljährig und gehört zu den unübersehbaren Pluspunkten der Stadt. Das alles aus eigener Kraft, denn „wir wollten von vorneherein unabhängig sein von öffentlicher Förderung, damit wir unsere Idee ohne äußere Zwänge umsetzen konnten.“

Die internationale Strahlkraft des Literatur-Spektakels ist für Köln nicht nur ein Aushängeschild, es gehört für Verlage und Autoren als Pflichttermin in den Jahreskalender. Die Stars der Bücherwelt geben sich in Köln die Klinke in die Hand, auch in diesem Jahr ist wieder alles dabei, was Rang und Namen hat, niemand, so der Eindruck, kann sich diesem Ereignis noch entziehen. Für den durchaus selbstbewußten Chef des Festivals ist es das kulturelle Highlight der Stadt und er verweist gerne auf die renommierte FAZ als Kronzeugen, die das Festival schon früh als das größte und beste seiner Art in Europa gewürdigt hatte.

Die lit.Cologne ist nicht nur erwachsen, sie ist auch gewachsen. Mit der phil.Cologne ist ein internationales Philosophie-Festival entstanden (auch das, man wundert sich nicht mehr) „das größte seiner Art in Europa“, so Osnowski, außerdem gibt es mit dem Kinder- und Jugendprogramm lit.kid.Cologne ein Zusatz-Angebot. Einzigartig sind wohl die Lesungen für Schulklassen. „Allein in diesem Jahr haben wir 30.000 Anmeldungen von Schulklassen, die wir leider nicht alle berücksichtigen können“ so Rainer Osnowski. Mit der lit.ruhr hat das Festival geografisch den Wirkungskreis zusätzlich erweitert.

Jetzt geht es also wieder los, vom 15 bis zum 30. März läuft das Festival, vorgezogen war schon das Gespräch mit Angela Merkel über ihre Biografie als Sonderveranstaltung in der Flora (www.litcologne.de). Für Leserinnen und Leser unseres Newsletters verlosen wir zwei mal zwei Karten für die große Gala der lit.Cologne, die am 20.März in der Philharmonie stattfindet. Schreiben Sie uns und wir drücken Ihnen die Daumen.

Gewinnen Sie, können Sie sagen, Sie sind dabei gewesen.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

NEWSLETTER 14.02.2025

Kölner Azubis im vergammelten Berufskolleg  – Offener Brief an die Oberbürgermeisterin

 

 

Liebe Mitglieder des Kölner Presseclubs,
liebe Freundinnen und Freunde,

gibt es in Köln eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn es um den Schulbau geht? Während einige Schulen zügig saniert oder neu gebaut werden, kämpfen andere seit Jahren mit maroden Gebäuden, Platzmangel und unhaltbaren Zuständen. Besonders betroffen:  handwerkliche Berufskollegs. Ein aktuelles Beispiel ist das Berufskolleg 10 in Köln-Porz. Seit Jahren steht ein Neubau im Raum – passiert ist: nichts. Der Unterricht von 1.200 Schülern musste auf verschiedene Standorte verteilt werden. Statt moderner Lernräume gibt es Modulbauten, oft ohne Werkstätten oder Labore

Die berufliche Ausbildung scheint in der Stadt weder Priorität noch eine starke Lobby zu haben – mit fatalen Folgen für Schüler, Unternehmen und die gesamte Wirtschaft“, sagt Marc Schmitz, Obermeister der Sanitär-, Heizungs- und Klima-Innung (SHK) Köln, und bringt es auf den Punkt: „Die Stadt hat Millionen für den Schulbau eingeplant, aber die Berufsausbildung bleibt auf der Strecke.“

Der bauliche Zustand des Berufskollegs in Porz ist seit über 35 Jahren katastrophal. Marc Schmitz erinnert sich: „Schon während meiner Ausbildung dort hieß es: Ein Neubau muss kommen. Heute – Jahrzehnte später – ist es nur noch schlimmer geworden.“ Schimmel, Wasserschäden durch Rohrbrüche, fehlende Fluchtwege – unter solchen Bedingungen verliert jede Ausbildung an Attraktivität. Die Folge: „Viele junge Leute geben auf. Ich hätte auch keine Lust in so einer Bruchbude meine Ausbildung zu machen.“

Im Januar hatten drei Kölner Handwerksinnungen genug. Die SHK-Innung, die Schornsteinfeger-Innung, die Innung für Metalltechnik sowie der schulische Förderverein richteten einen offenen Brief an Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Die Forderung: Den Neubau endlich beschleunigen. Doch ein Blick auf die Prioritätenliste der Stadt zeigt das Problem: Das Berufskolleg 10 steht – nach Angaben aus dem Rathaus – auf Platz 71 von 207 Schulbauprojekten. Drei andere Berufskollegs in Köln haben immerhin Sanierungspläne – mit Fertigstellungen für 2028 und 2031. Auch nicht gerade schnell.

Warum bleibt das Handwerk auf der Strecke? An fehlendem Geld kann es nicht liegen. 2017 beschloss der Stadtrat 745 Millionen Euro für den Schulbau, 2020 folgte eine Aufstockung auf 1,7 Milliarden Euro. Seit 2022 gibt es außerdem die Kölner Schulbaugesellschaft, die den Sanierungsstau weiter auflösen soll. Mit sichtbaren Erfolgen. Doch bei Kölner Handwerksbetrieben entsteht der Eindruck, dass sie als „zweite Wahl“ behandelt werden – mit negativen Auswirkungen für eine ganze Generation von Auszubildenden und für die Wirtschaft, erläutert Marc Schmitz: „Wenn hier die Bedingungen schlecht sind, entscheiden sich junge Menschen am Ende gegen eine Karriere im Handwerk.“

Mein Newsletter und Nachfragen bei der Stadt bringen offenbar Bewegung in die Sache. Die Kölner Schulbaugesellschaft, die die Projektverantwortung für den Neubau In Porz übernommen hat, reagiert auf den offenen Brief. Demnach laufen seit Januar Angebotsprüfungen – ein verbindliches Angebot werde frühestens im Mai erwartet. Die Fertigstellung sei für 2031/32 geplant. Bis dahin bleibe der Schulbetrieb auf zwei Standorte verteilt – mit provisorischen Lösungen. Und genau das macht den Handwerksbetrieben ernste Sorgen. Denn Provisorien in Köln – das wissen wir alle – werden oft zu Dauerlösungen.

Am heutigen Freitag soll Baudezernent Markus Greitemann nach Köln-Porz kommen. Er will sich mit der Schulleitung und der Schulbaugesellschaft abstimmen. Seine Aussage mir gegenüber klingt vielversprechend: „Das Berufskolleg ist für die berufliche Bildung in unserer Stadt von großer Bedeutung.“ Marc Schmitz freut sich, dass es endlich vorangeht, ist aber gleichzeitig skeptisch und sagt mir: „Wir halten den Druck auf dem Kessel aufrecht!“

Die Politik betont stets die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. Doch solange junge Menschen in maroden Berufskollegs lernen müssen, bleibt das doch eine hohle Phrase. Gerade die technischen Handwerksberufe brauchen immer mehr Abiturienten. Aber wer würde seinem Kind eine Ausbildung empfehlen, wenn die Lernbedingungen so katastrophal sind? Ohne gut ausgebildete Handwerker ist die Energiewende ein leeres Versprechen. Denn Wärmepumpen, Solaranlagen und neue Heiztechnik installieren sich nicht von selbst.

Das letzte Wort hat Susanne Hengesbach, die sich mit einem jahrzehntelangen Ärgernis beschäftigt: In Köln wird viel über Aufenthaltsqualität diskutiert. Am Brüsseler Platz sollen Menschen am Wochenende abends nicht mehr verweilen – selbst dann nicht, wenn sie sich nur leise unterhalten. Susanne Hengesbach wirft in ihrem Poetry-Podcast „Verweilverbot“  die Frage auf, weshalb man dort nicht einfach die Hauptursache für den nächtlichen Lärm verbietet – den Alkohol auf der Straße. Den  link finden Sie hier.

Viel Spaß beim Hören.

Es grüßt

Ihre Claudia Hessel

NEWSLETTER 07.02.2025

„Wer Köln liebt, muss den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen!“ – Konrad Adenauer über die endlosen Diskussionen in der Politik.

 

 

Liebe Mitglieder des Kölner Presseclubs,
liebe Freundinnen und Freunde,

Konrad Adenauer – nicht der erste Bundeskanzler und Oberbürgermeister unserer Stadt, sondern sein Enkel – ist längst eine Institution in Köln. Viele schätzen ihn, manche fürchten ihn. Weil er ausspricht, was andere nur denken. Die Stadt, die sein Großvater einst vorangebracht hat, sieht er oft im Stillstand. Und das sagt er auch offen.  So wie in seinen Kolumnen als Vorsitzender von Haus & Grund in der Zeitung Eigentum aktuell: Sie waren streng, unerbittlich, aber immer mit einer Botschaft: Köln kann es besser – und Köln muss es besser machen! Auch im Interview  für meinen Newsletter hat er erwartungsgemäß kein Blatt vor den Mund genommen.

„Köln hat große Probleme“, sagt er mir in seinem Zuhause in Köln-Hohenlind. Schlechtes Management, ineffiziente Verwaltung, fehlender Mut. Dinge, die eine Stadt ausbremsen. Oberbürgermeister kamen und gingen – Schramma, Roters, Reker – doch an den Grundproblemen hat sich kaum etwas geändert, stellt er fest. Sie alle bekamen regelmäßig Post von ihm ins Rathaus. „Ein Bürger muss sich wehren können. Er muss sagen: Das passt mir nicht! Und er muss den Mut haben, das aufzuschreiben und öffentlich zu sagen“. Dieses Selbstverständnis als mündiger Bürger sieht er heute schwinden. „Viele sind zu bequem oder fürchten sich davor, anzuecken. Doch eine Stadt lebt von denen, die ehrenamtlich Verantwortung übernehmen.“

Verantwortung? Die trägt Konrad Adenauer im Übermaß – nicht selten zum Leidwesen seiner  Familie. Ob Kulturprojekte, Denkmalschutz aber auch viele soziale Initiativen – wenn es ums Helfen und um den Erhalt von Geschichte geht, war und  ist der ehemalige Notar und Jurist zur Stelle. 2015 übernahm er den Vorsitz der Stiftung Stadtgedächtnis in Köln, die Geld für die Rettung der beim Archiveinsturz 2009 zerstörten Dokumente sammelt. Seitdem hat er die Stiftung auf Kurs gebracht, Kosten gesenkt und eine wegweisende Entscheidung getroffen: Aus der Ewigkeitsstiftung wurde eine Verbrauchsstiftung. Das Geld wird gezielt für die Restaurierung ausgegeben – 2042 ist Schluss.

Als ich ihn fragte, welche Projekte ihm besonders am Herzen liegen, nennt er auch das jüdische Museum MiQua. „Viele Kölner wissen nicht, dass es sich um ein historisches jüdisches Viertel handelt“, sagt er. „Diese Stadt vergisst manchmal, was wirklich wichtig ist.“

Dazu führt er auch die Umbenennung des Kleinen Offenbach-Platzes in den Dirk-Bach-Platz an. „Das ist der falsche Ort für eine solche Ehrung“, kritisiert Adenauer. Köln hatte herausragende Künstler mit internationalem Ruf wie den Schauspieler Kaspar Brüdinghaus oder Schauspielerin Gisela Holzinger, zählt er auf. An die Oper gehöre Hochkultur, so seine feste Überzeugung. Dirk Bach sei – wie Trude Herr – mehr in der Severinsvolksseele verankert. Diese Namen hätten ihren Platz im Veedel, nicht an der Oper. Sein Vorschlag? Die Bildung eines Ehrenrates, der über Platz- und Straßennamen sowie Ehrenbürgerschaften entscheidet. „Es darf nicht nur um Geschlecht oder Zeitgeist gehen. Entscheidend ist der tatsächliche Verdienst um die Stadt.“

Was ihn besonders an Köln ärgert, wollte ich wissen. „Die Stadt verliert ihren Charakter. Statt Mut zu zeigen, verstrickt sich die Politik in endlose Diskussionen. Wer Köln liebt, muss auch den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen.“ Sein Großvater wollte einst den Hauptbahnhof nach Deutz verlegen. Heute, Jahrzehnte später, sind es Architekten wie Paul Böhm, die ähnliche Visionen weiterdenken. Doch was passiert stattdessen? „Nichts. Die Verantwortlichen haben keine Fantasie. Alles in Köln bleibt Stückwerk.“

Wer Konrad Adenauer kennt, weiß, einmal in Fahrt, ist er kaum zu bremsen. „Früher wurde in der Stadtverwaltung mit weniger Leuten mehr gearbeitet. Heute gibt es zu viele Mitarbeiter – und trotzdem dauert alles ewig.“ Köln sei zu langsam, zu zögerlich, zu bequem. Dabei brauche die Stadt keinen behäbigen Verwaltungsapparat, sondern einen mit Biss. „Die Bürger wollen eine starke Stadt – keine, die kraftlos vor sich hin dümpelt!“ Köln sei aber gelähmt von politischen Diskussionen und Prozessdenken. „Mein Großvater als Oberbürgermeister wusste, dass schnelle Entscheidungen den Unterschied machen. Heute wird alles aufgeschoben und verwaltet, anstatt mutig gestaltet.“

Er warnt in diesem Zusammenhang vor einem „Bazillus Coloniensis“ – einen Begriff, den Adenauer im Gespräch prägt. „Klingt gefährlich und hoch ansteckend“, meinte ich. „Ist es auch“, erwidert er schmunzelnd, um dann sofort ernsthaft fortzufahren: Führungskräfte kommen voller Elan nach Köln – und verfallen schnell in eine Art Lethargie, stellt er fest. Nach dem Motto: Reg dich nicht auf, es geht alles seinen gewohnten langsamen Gang. Doch das Problem sitzt seiner Meinung nach tiefer – und reicht bis in die Politik. Der Rat kümmere sich um jedes einzelne Detail, wie etwa Bürgersteige, anstatt die großen Linien vorzugeben. Das lähme die Stadt. Adenauer räumt jedoch ein, dass viele Ratsmitglieder sich ehrenamtlich engagieren, oft neben ihrem eigentlichen Beruf. Doch genau darin sieht er auch eine Schwäche des Systems. „Wer tagsüber sein Geld verdient und abends Politik macht, hat weder die Zeit noch die Kraft, langfristige Strategien für eine Metropole wie Köln zu entwickeln.“ Statt visionärer Stadtplanung dominieren kleinteilige Debatten, und am Ende werde oft gar nichts entschieden.

Wenn dann doch einmal eine Entscheidung fällt, ist es in seinen Augen ausgerechnet eine, die den Bürgern schadet. Als Beispiel führt er die Pläne des 1. FC Köln heran, mitten im Grüngürtel zu expandieren. „Köln gehört nicht dem FC! Sondern der FC gehört zu Köln“, sagt Adenauer. Doch der Verein, der für viele die kölsche Seele verkörpert, beansprucht für sich, was nicht ihm gehört: Naturraum, der für die ganze Stadt von Bedeutung sei. „Jetzt wird der Grüngürtel, den mein Großvater hat anlegen lassen, mit einem Betonklotz verbaut. Der FC kann überall trainieren – aber nicht auf Kosten des Grüngürtels.

Für Adenauer ein weiteres Zeichen dafür, dass Köln an der falschen Stelle Prioritäten setzt. Wer bestimmt, was wirklich wichtig ist für unsere Stadt? Adenauer ist überzeugt, dass Köln eine Führungspersönlichkeit braucht, die mehr macht als nur zu moderieren. „Ein OB muss nicht nur verwalten, sondern umsetzen. Und da kommt es auf das WIE an. Es reicht nicht, nur auf Karneval und Kölsch zu setzen. Köln braucht mehr Ratio und weniger Gefühl.“

Solche Worte mögen manchen unbequem erscheinen, doch das ist genau der Punkt: Köln braucht Klarheit, Entschlossenheit – und Menschen, die Missstände nicht nur erkennen, sondern auch benennen. Doch solche Mahner werden seltener. Es fehlen Menschen, die laut und klar sagen: Das reicht uns nicht! Ja, die Adenauers haben Ecken und Kanten. Kritiker werfen Konrad vor, er sei zu direkt und manchmal über das Ziel hinausgeschossen. Vielleicht. Aber ohne solche Stimmen bleibt vieles still.

Ältere Kölner wie er sehen ihre Stadt aus einer historischen Perspektive – einer, die zeigt, wie viel möglich war, wenn Entschlossenheit und Wille aufeinandertrafen. Die junge Generation hingegen tickt anders. Sie ist oft wilder, kompromisslos in ihren politischen Überzeugungen, aber auch eindimensional, wenn es um pragmatische Lösungen geht. Sie fordert Veränderung, aber nicht immer mit Blick auf das, was Köln ausmacht:  auf seine Identität, seine Geschichte und das, was Bestand haben sollte.

Die einen mahnen, weil sie sich sorgen. Die anderen protestieren, weil sie etwas bewegen wollen. Beides kann richtig sein. Konrad Adenauer will immer noch mit 80 Jahren das Beste für seine Stadt. So wie alle Kölner mit Verstand, Herz und Liebe zu ihrer Heimat. In seiner Familie ist das nie eine Frage des Wollens – es ist Pflicht. Vielleicht sollten sich die Generationen genau darin treffen: in der Verantwortung für Köln.

Mit besten Grüßen

Ihre Claudia Hessel

NEWSLETTER 31.01.2025

Über Metzger-Theken, Zynismus im Wahlkampf und Mut in der Sozialpolitik

  

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

das wichtigste Gesetz jedes Wahlkampfs lautet: Versprechen und halten sind zweierlei. Doch das könnte auch mal schief gehen. Zum Beispiel beim Versprechen, unser ausgebauter Sozialstaat hätte eine Ewigkeits-Garantie. Rente, Pflege, Gesundheitskosten und andere Errungenschaften seien ungefährdet, man könne vielleicht sogar noch eine Schippe drauflegen. Höheres Bürgergeld, zusätzliche Pflegeleistungen, höhere Mütterrente – es geht zu wie an der Metzgerei-Theke nach dem Motto: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Dabei sind die Kassen längst leer, obwohl ein Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung jetzt schon in die Finanzierung des Sozialstaats geht und fast die Hälfte des Bundeshaushalts für Sozialausgaben aufgewandt wird. Doch düstere Wachstumsprognosen und der demografische Wandel, jahrzehntelang ignoriert, geben den Wahlversprechen einen geradezu zynischen Anstrich. Sie sind schlicht nicht finanzierbar. Es wird, anders als die SPD plakatiert, kein „Mehr für Dich“ geben. Die Zukunft heißt „Weniger für alle“.

Zum Beispiel Köln: In den nächsten 15 Jahren werden ca. 4.500 Plätze für die stationäre Pflege fehlen – eine Folge des galoppierenden demografischen Wandels, bei dem die Zahl pflegebedürftiger älterer Menschen gewaltig ansteigen wird. Um die benötigten Plätze  zu schaffen, müssten allein umgerechnet 56 neue Pflegeheime gebaut werden, und zwar zusätzlich. Gleichzeitig fehlt es jetzt schon an Pflegepersonal. Denn pro Haus werden etwa 100 Pflegekräfte benötigt. Das alles wird sich mit den vorhandenen Mitteln nicht bewerkstelligen lassen. Nein, sagt auch Prof. Uwe Ufer und er muss es wissen. Er ist seit zwölf Jahren kaufmännischer Vorstand der Diakonie Michaelshoven, einem mit mehr als 3.000 hauptamtlich Beschäftigten größten Sozialunternehmen des Landes.

Ufer fordert nicht weniger als ein radikales Umdenken in der Sozialpolitik. Zu sehr schauten die politischen Parteien ausschließlich auf den Einsatz von Mitteln, nicht aber auf das Ergebnis. Als Beispiel nennt er die Pläne für die Kindergrundsicherung. „Da ist die Politik schon zufrieden, wenn sie Geld bereitstellt und eine neue Behörde schafft“, kritisiert er. Ob das dann auch dem Ziel dient, Kindern zu helfen und zu befähigen, ein selbstverantwortetes Leben zu führen, geriete aus dem Fokus. „Sozialpolitik muss sich an der Wirkung messen lassen, nicht am Einsatz immer höherer Etats. Es kommt ausschließlich auf die Wirkung an, nicht auf die Zahl der Finanzierungstöpfe.“ Politikerinnen und Politiker führten jedoch geradezu einen Überbietungswettbewerb im Bemühen, immer neue Leistungen zu beschließen.

Was auf der Strecke bleibe, sei das Bemühen, bedürftige Menschen zu aktivieren. Selbstverständlich müsse man Menschen in Not helfen. Aber das sollte Hilfe zur Selbsthilfe sein und nicht dauerhafte Abhängigkeit von der Unterstützung durch den Staat.  „Ziel der Hilfe muss sein, dass ich keine Hilfe mehr brauche. Wir sind schließlich selbst für unser Leben verantwortlich. Nicht der Staat.“ Doch es habe sich eine Mentalität breit gemacht, die von Anspruchsdenken geprägt sei, wobei auch nicht mehr gesehen werde, dass „erst mal das Geld erwirtschaftet werden muss, bevor ich es ausgeben kann.“

Die Diakonie Michaelshoven versucht Ufer, auf die absehbar sich verändernde Wirklichkeit vorzubereiten: „Wir müssen lernen, mit weniger Menschen mehr Hilfe zu leisten. Das ist reine Mathematik“. Auch sei es zunehmend ein Problem, junge Menschen für einen Beruf in der Pflege zu rekrutieren. Ein Sozialberuf passt eben nicht zu einem Zeitgeist, der der Work-life-Balance einen zentralen Wert zumisst. Viele gut ausgebildete junge Menschen strebten keinen Vollzeit-Beruf mehr an, weil Freizeit eine zu verlockende Größe sei.

Deshalb brauche es einen kompletten Systemwechsel. Zuwanderung und Digitalisierung alleine könnten nicht helfen, auch die Robotik sei nicht der Zauberschlüssel. Die Regulierung zum Beispiel sei längst überkomplex, „jeder Handgriff ist vorgeschrieben, alles bürokratisiert“, klagt der Sozialunternehmer. Hier müsse ein radikales Umdenken für Besserung sorgen. Wie in Spanien sollte Familien die Möglichkeit gegeben werden, in den Einrichtungen ihre Angehörigen zu pflegen – bislang ein Tabu in Deutschland. Die bürokratischen Hürden bis hin zum Bau von Einrichtungen müsste dringend entschlackt werden.

Mit dieser Haltung macht sich der Chef der Diakonie weder bei den Sozialverbänden noch in großen Teilen der Politik Freunde. „Ich muss auch nicht der Beliebteste sein“, sagt Ufer. Er will etwas bewegen, ein durch Fehlentwicklungen scheiterndes System reformieren. Man kann, nein, man muss ihm nur Glück wünschen. Denn das Land hat gerade viele teure Baustellen: Eine marode Infrastruktur, steigende Verteidigungslasten, Probleme bei der Integration, gravierende Mängel in der Bildungspolitik und so weiter und so fort. Vor allem scheint es aber einen Mangel an Ehrlichkeit in der Politik zu geben – vor allem im Wahlkampf.

Und da wir gerade bei Baustellen sind: Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt in einer Krise. Seine Notwendigkeit wird seriös zwar nicht bestritten, aber auch er braucht dringend Reformen. Darüber sprechen wir am 19. Februar im Kölner Presseclub mit Dr. Katrin Vernau, die seit Anfang des Jahres Intendantin des WDR ist, der größten Rundfunkanstalt Kontinental-Europas (ab 19.30 Uhr im Hotel Excelsior Ernst). Sie will den WDR in turbulenten Zeiten zukunftsfest machen – was sie vorhat, wie sie es umsetzen will und was das für das Publikum bedeutet, werden Sie am 19. Februar erfahren. Lassen wir uns überraschen.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

NEWSLETTER 24.01.2025

Die Stadt will dort sparen, wo es nur zusätzlich teuer werden kann. Viele Ehrenamtler wissen nicht weiter.

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

selten habe ich in meinem Umfeld so viel Entrüstung über Pläne aus der Kommunalpolitik erlebt wie in den vergangenen Wochen. Die Stadtverwaltung um Oberbürgermeisterin Reker hat einen Haushaltsplan veröffentlicht, der starke Kürzungen vorsieht – und das in einem Bereich, der zur ehemaligen Beigeordneten für Soziales und Integration überhaupt nicht passt. Es betrifft einen Bereich, der in vielerlei Hinsicht schon Aufgaben des Staates übernimmt, die der Staat aber selbst gar nicht bewältigen könnte: den Sport.

Viele politische Themen sind wichtig, aber erreichen selten ihre Zielgruppe oder die nötige Aufmerksamkeit. Der Besuch der ehemaligen Oberstaatsanwältin Brorhilker, die den Cum-ex-Skandal aufgearbeitet hat, bestätigte im November im Gespräch mit dem Presseclub, wie mühsam es sein kann, selbst bei großen Skandalen der Bevölkerung zu erklären, in welchem Umfang sie betroffen ist und sich auch empören sollte. Die Kölner Stadtverwaltung hat es jedenfalls geschafft, die Vereinsleute auf den Baum zu bringen. Es geht um 20 Millionen Euro, die bislang für Sportförderung im Haushalt einplant waren. Sie sollen wegfallen.

Ausgerechnet im Sport also. Die Lage ist schon jetzt nicht gut. In den vergangenen Tagen haben zahlreiche Medien darüber berichtet, wie viele Sportstätten aussehen: kaputt, dreckig oder verwahrlost. Renovierungen wurden manchmal schon zusagt, aber seit Jahren nicht umgesetzt. Die Streichung der Förderung sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass die gesamte Lage schon vorher prekär war. Die Vereinsvertreter, mit denen ich gesprochen habe, konnten sich kaum zurückhalten. Die Emotionen hatten freien Lauf. Die Argumente liegen für sie auch der Hand. Die meisten Antworten auf meine Fragen bringen Enttäuschung, Wut und Verzweiflung mit sich. Es geht auch um Wertschätzung und die Frage, ob Politik und Verwaltung noch ein Gefühl dafür hat, was sie da entscheidet.

Emotionen haben immer einen Grund. Deshalb habe ich mal geschaut, was denn die Versprechen und Pläne der Politik sind – unabhängig vom aktuellen Kölner Haushaltsentwurf für 2025 und 2026. So hält die Bundeszentrale für politische Bildung fest: „Sportvereinen wird großes Potenzial für die soziale Integration zugeschrieben.“ Das Bundesministerium für Inneres und Heimat teilt mit: „Gemeinsame sportliche Aktivitäten fördern die Begegnung von Menschen ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, sie schaffen Verständigung und gegenseitige Toleranz, wodurch Vorurteile abgebaut werden.“ Und das Ärzteblatt stellt fest: „Bewegungsmangel kommt die Gesellschaft teuer zu stehen. Es zeigt sich: Unzureichend aktive Menschen hatten 188 Euro höhere durchschnittliche jährliche Gesundheitskosten.

Die Suche nach den politischen Zielen zeigt: ohne Sport sind Integration, Zusammenhalt und Gesundheit ziemlich schwer zu leisten – und vor allem: sie werden sehr teuer. Bliebe das Engagement der vielen Ehrenamtlichen aus, so stünde der Staat erst recht vor einem gehörigen Kostenproblem. Nun kommt also die Stadt Köln auf die Idee, die Sportförderung stark kürzen zu wollen. 20 Millionen bei einem Haushalt in Höhe von mehr als sechs Milliarden. Dabei sollte nicht außer Acht bleiben: Die Argumente der Stadt sind ebenso konsequent wie verzweifelt. Köln steckt in einer Finanzkrise. Während in der Zeit der Corona-Pandemie noch ein Überschuss verbucht wurde, so kippte die Lage 2023. Die jährlichen Defizite belaufen sich mittlerweile auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Das wird sich laut Prognosen auch bis 2029 nicht ändern. Das Plädoyer der Verantwortlichen dürfte deshalb lauten: Es wäre fahrlässig, bliebe alles wie es ist. Es muss gespart werden.

Und so ist es besonders tragisch, dass die Spielstätten bei vielen Vereinen nicht repariert oder gewartet wurden als die Lage noch gut war. In Gesprächen mit Vereinsvertretern kommt dann auch immer ein Satz: „Das Geld ist für andere Dinge doch da!“ Diese „anderen Dinge“ werden gerne als „Hochkultur“ bezeichnet. Die Oper ist zum Symbol eines Kölner Offenbarungseides geworden. Die U-Bahn auch und die Debatte über einen weiteren Tunnel in der Innenstadt (die Ost-West-Achse) können diese Vereinsleute schon gar nicht mehr ernst nehmen. Die Stadt hat es versäumt Prioritäten zu setzen und ist, so zumindest das Gefühl, nicht zum Umdenken bereit.

Die Oberbürgermeisterin wurde übrigens von Pressekollegen zu einer Stellungnahme angefragt. Geantwortet hat ihr Sprecher. Auch das mutet merkwürdig an. Köln feiert sich gerne für sein Gefühl und den Zusammenhalt. Ein Unikum in Deutschland. Die Stadt droht das jetzt zu verspielen. So wie die Stadtverwaltung hier reagiert, halte ich es für gefährlich. Mir ist bewusst, das verschiedene Ratsfraktionen bereits dabei sind, ihr Bestes für eine Lösung zu geben. Möge die öffentliche Debatte und die anstehende Kommunalwahl auch eine Motivation sein, die Vereine nicht allein zu lassen.

Allen Ehrenamtlichen in den Vereinen danke ich für Ihr Engagement für unsere Stadt und sende an alle herzliche Grüße

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 17.01.2025

Was ein Pistazienfeld in Sizilien mit der Chemischen Fabrik in Kalk verbindet und wie eine Familie Kölner Industriegeschichte spiegelt   

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

das Foto von den endgültig geschlossenen Werkstoren der Chemischen Fabrik in Köln-Kalk (CFK) hat Salvatore Saporito schnell zur Hand, obwohl es mehr als 30 Jahre alt ist. Es zeigt ihn als schlaksigen 19-jährigen neben seinem Vater Giuseppe, damals 47, an einem Wendepunkt nicht allein im Leben von Vater und Sohn. „Die Chemische ist dicht!“, steht unter dem Bild auf einer Zeitungsseite. Der größte im Viertel verbliebene industrielle Arbeitgeber stellte seinen Betrieb ein. Und in Kalk ging die Angst vor der Zukunft um.

1969 verließ Vater Giuseppe seine Pistazienfelder im Örtchen Bronte am Fuß des Vulkans Ätna. Die Situation muss ähnlich wie ein Vierteljahrhundert später in Köln gewesen sein. Ernähren die Pistazien mich und eine Familie? wird der junge Mann sich gefragt haben. Die Antwort führte ihn die Fremde. Wie hunderte anderer Gastarbeiter auch, verdiente er dann bei der „Chemischen“ in Köln-Kalk sein Geld.

Am 18. September 1970 – das Datum ist Familiengeschichte – lernte er Rosemarie kennen, eine junge Frau aus Köln. Am 1. August 1973 heiratete das Paar. Der Ehemann wurde jedoch erst zum akzeptierten Schwiegersohn, nachdem sein Sohn Salvatore im April 1975 zur Welt kam und als Enkel das Herz des Schwiegervaters erweichte. Die junge Familie war nach Kalk gezogen, der Verdienst des Chemiefacharbeiters gut. Doch nach der Werksschließung stellte sich erneut die Frage: Wovon leben? Immerhin hatte Mutter Rosemarie Arbeit in einer Bäckerei.

Warum schreibe ich über etwas, das mehr als 30 Jahre zurückliegt? Weil wir heute wieder vor auffallenden Veränderungen stehen, weil sich große Strukturen verschieben. Daher fiel mir die Familie Saporito ein, die Industriegeschichte spiegelt, denn die „Chemische“ markiert den letzten augenfälligen Wandel in Köln, den Abschied von einer Kultur, in der Arbeiter in Fabriken arbeiteten, deren Grundzüge an die hundert Jahre alt waren. Sie lebten in der Nähe dieser freundlich „historisch“ genannten Hallen.

Unternehmen wie die Motorenwerke Deutz zogen weg, die CFK gab auf und andere Alteingesessene wurden von größeren Firmen übernommen und verschwanden. Das urtümlich anmutende Industriegebiet, durch das ich in den frühen 70er Jahren als Student mit der S-Bahn fuhr, verschwand zusehends.

Apropos Student: Sohn Salvatore arbeitete ebenfalls in der Chemischen. Ihm war die Nachtschicht am liebsten. So konnte er vormittags nach getaner Arbeit seine Vorlesungen an der Uni Köln besuchen, wo er Betriebswirtschaft studierte und später sein Diplom machte. Heute ist er europaweit als Vertriebsleiter für IT- und Cyber-Sicherheit tätig.

Doch trotz der eigenen Perspektive war das Aus auch für den Sohn ein Schock, erinnert er sich. Kalk war wie gelähmt, der Arbeitgeber Geschichte, der Vater arbeitslos. Wie der Rest der Belegschaft auch. Was sollte werden? Stirbt nun die Kalker Hauptstraße oder die Identität des eigenen Viertels, das wegen der italienischen Arbeitskräfte „Klein-Palermo“ genannt wurde? Neben den existentiellen Sorgen standen solche Fragen im Raum.

Wie Wandel heute aussieht? Am Beispiel Ford lässt sich das aufzeigen. Der Autobauer, der 1930 nach Köln kam, hatte in seinen Blütejahren fast 20.000 Beschäftigte. Nun reagiert er auf das von der Europäischen Union (EU) für 2025 verfügte Aus für Verbrenner-Motoren und will am Rhein nur noch Elektro-Autos produzieren. Dafür benötigt Ford weniger Fläche und weniger Mitarbeiter, denn Elektroautos sind einfacher konstruiert als Verbrenner und dadurch weniger personalintensiv.

Laut Betriebsrat hat Ford heute nur noch 11.500 Mitarbeiter und will perspektivisch weitere 2.900 Stellen abbauen. Das heißt: Viele tausend Menschen leben in Unruhe. Und wenn es schlecht kommt, zieht der Autobauer sich ganz aus Europa zurück. Aktuell flirten Politiker mit dem Aus vom Verbrenner-Aus und legen damit Unsicherheit über die Pläne von Ford. Die Firma hat den Plänen der Politik vertraut und ganz auf Elektroantrieb gesetzt.  

Ford wieder im Kleinen: Als die „Chemische“ schloss, fuhr Student Salvatore einen gebrauchten Ford Fiesta. Er war fest im Viertel verwurzelt – „Langweilig wird es in Kalk nicht“ – und bereits im zarten Alter von acht Jahren Mitglied des Fußballvereins SC Borussia Kalk. „Da lernte ich fürs Leben“, erinnert er sich: im Team spielen, Konflikte lösen, auf andere zugehen. Heute ist er mit Herzblut 1. Vorsitzender des Vereins und zitiert gerne, was sein Vater ihm an Erfahrung für die Jugendarbeit mitgegeben hat. Zum Beispiel: Nie ein Kind fortschicken, auch wenn es sich auf den Platz gemogelt hat. Vater Giuseppe Saporito fand übrigens eine neue Arbeitsstelle bei Lindgens Druckfarben und blieb dort bis zur Rente.

Kalk ist heute ein neuer Stadtteil geworden mit dem Einkaufszentrum Kalk-Arcaden, dem Wissenschaftszentrum der technischen Hochschule (TH), Kölner Polizeipräsidium, ADAC, Malteser Zentrale und vielen neuen Wohnblöcken. So weit hat es geklappt mit dem Wandel. Es sind keine Brachen geblieben.

Und die Pistazienfelder am Ätna? Regelmäßig ist die ganze Familie zur Ernte auf Sizilien. Pistazien sind wie Mandeln und Pfirsiche Steinfrüchte, allerdings mit essbaren Kernen, die überaus schmackhaft und sehr gesund sind. Als Superfood taugen sie für Snacks ebenso wie für herzhafte Gerichte und passen sich dem Verwendungszweck an. Welche Konstante gibt es im Leben der Großfamilie? „Es gibt nicht viele, die ein Pistazienfeld am Ätna haben,“ lacht Salvatore Saporito, dem ich für seine Offenheit danke, mit der er über sich und seine Familie erzählt hat.

Es ist ein Leben zwischen den Pistazienfeldern Siziliens und dem deutschesten aller Flüsse, dem Rhein, eine der vielen Geschichten von Wandel, Anpassung und Zukunftsgestaltung. In ihrer Gesamtheit zeichnen sie ein großes Bild und vielleicht zeigen sie auch Parallelen auf zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Doch auch der Einzelfall ist berührend. Daher habe ich Ihnen zum Wochenende davon erzählt.

Herzliche Grüße

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 10.01.2025

Warum Respekt ein zentraler Wert für Köln ist und welche Rolle die Kunst dabei spielt

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

diesmal überraschten mich viele der Neujahrswünsche. Oft enthielten sie Botschaften, die sich auf Werte, Normen oder Haltungen bezogen. Da war von Vertrauen, Geduld und Verständnis die Rede und weniger von konkreten Aufgaben und Plänen, die es anzupacken gilt. Als müssten wir uns vergewissern, mit welcher Einstellung wir dem Leben im Großen und Ganzen begegnen. Diese Aspekte sind Grundlage unseres Zusammenlebens, bilden den Charakter einer Gesellschaft oder formen ihn gar. Aber meist sind sie wie ein Computerprogramm, das im Hintergrund läuft und lautlos den Alltagsbetrieb sichert.

Was war mir besonders aufgefallen? Hans Mörtter, früherer Pfarrer und heute Kandidat für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters, nennt „Wertschätzung“ das zentrale Moment seines Wahlkampfes. Davon leitet er weitere Schritte ab. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beschwor in seiner Neujahrsansprache eine humanistische Grundausstattung, indem er Gemeinsinn und Tatkraft, Ideenreichtum und Fleiß, Mut und Ehrgeiz sowie Vertrauen in uns selbst hervorhob.

Das geschah einerseits als Reaktion auf den Anschlag von Magdeburg, der sechs  Menschenleben forderte. Steinmeier wandte sich aber auch an eine von Multi-Krisen verunsicherte Gesellschaft, in der der Ton „rau“ und, so der Präsident weiter, „zuweilen sogar unversöhnlich“ geworden sei. Nicht einmal mehr die Weihnachtsmärkte als Hort der Innigkeit seien sicher, sagte auch Tiefenpsychologe Jens Lönneker, Geschäftsführer des Kölner „rheingold salon“. Als Leser kennen Sie ihn von unseren Veranstaltungen.

Was Steinmeier als Stimmung beschreibt, haben Lönneker und sein Team in einer Studie über die Akzeptanz von Medien untersucht. Einer der alarmierenden Aspekte: Rund 16 Millionen Deutsche stehen unserer Gesellschaft und deren Medien ablehnend gegenüber, haben das Gefühl, sich außerhalb des Systems zu befinden. In seiner Neujahrsmail kündigt Jens Lönneker ein Projekt „Zuversicht“ an. Mit der deutschen Presse-Agentur (dpa) und Fachverbänden wolle man ergründen, wie das Vertrauen in Gesellschaft und Medien bestärkt oder wiederhergestellt werden kann.

Um das zu schaffen, müssen Begriffe wie Toleranz und Freiheit, Mut und Gerechtigkeit oder Verständnis und Geduld wieder mit Inhalt gefüllt werden. Diese Referenzwerte markieren die Stabilität einer Gesellschaft. Sind sie abwesend oder werden missachtet, spalten sich Gemeinschaften. Zumindest wie ein Brandbeschleuniger, vielleicht aber auch als Ursache wirken dabei die sozialen Medien. Hier geht es häufig um möglichst viel Zuspruch für die eigene Position. Der Respekt für die andere Haltung droht abhandenzukommen.

Überhaupt der Respekt. Ich verstehe ihn als universalen Wert. Er ist eine Korsettstange im Miteinander und an der Kasse im Supermarkt ebenso notwendig wie auf internationalen Konferenzen, in der Familie, im Beruf, im Umgang mit Behören oder auf Reisen. Fehlt es an Respekt, nimmt man ein Gegenüber nicht wahr.

In Köln fiel mir das auf, als ich mich mit dem Kunstwerk „Standortmitte“ von Lutz Fritsch beschäftigte. Es umfasst zwei rot lackierte Stelen auf den Verteilerkreisen in Köln und Bonn. Sie markieren Deutschlands älteste Autobahn, eingeweiht 1932 von Konrad Adenauer. Fritsch hat das Kunstobjekt entworfen, die Finanzierung gesichert und es 2008 errichten lassen. Die Gegenleistung der Städte besteht darin, dem Künstler vertraglich sein Urheberrecht zugesichert zu haben und – salopp gesagt – die Kunst nicht anzutasten.

Bereits das gelang in Köln nicht. Die Stadt will die künftige StadtBahn Süd unmittelbar neben der Stele vorbeiführen und sie damit ihrer Wirkung berauben. Eigentlich hätte sie die Bahnlinie um den Verteilerkreis herum legen, damit das Kunstwerk umgehen und gleichzeitig eine elegante Lösung finden können. Doch hat sie, wie es scheint, drauflos geplant und die künftig vorhandene Bahnlinie einfach mit dickem Strich verlängert.

Der Künstler wehrt sich, die Stadt fährt schweres Geschütz gegen ihn auf. Die „Standortmitte“ stehe nationalen und internationalen Klimaschutzzielen im Weg, argumentiert sie in einem Gutachten, das die eigene Planungsblindheit und damit die Ursache des Konflikts außeracht lässt: Die Verwaltung hat die Kunst schlicht übersehen. Selbstbezogen ist auch der Einwurf, eine Umplanung sei zu teuer. Er erinnert an einen Verkehrssünder, der sein Motorrad zu schnell gemacht hat und sich weigert, es zurückzubauen – weil er bereits zu viel investiert hat. So gebiert eigenes Unvermögen einen Sachzwang und Fehler schreiben sich fort, weil man sich ihnen beugt.

Respektlosigkeit mündet hier in blanke Machtausübung dem Schwächeren gegenüber, dessen Recht nur mit so hohem Kostenrisiko einklagbar ist, dass es ihn ruinieren würde. Kunst ist ein Indikator wie der Kanarienvogel im Bergbau früherer Tage. Hörte der auf zu singen oder fiel er gar von der Stange, drohte Gefahr. Erst dem Vogel, dann auch den Menschen. Jeder, der einen Vertrag mit der Stadt hat, sollte den Fall genau studieren. Er könnte das nächste Opfer sein. Die Stadt nämlich trägt kein Kostenrisiko. Es ist unser Geld, das sie verliert.

Fritsch weiß viele Mitstreiter an seiner Seite. „Die Standortmitte gehört allen Bürgern Kölns und wir werden uns um die Sicherung kümmern,“ sagt Bruno Wenn, Vorsitzender des Kölner Kulturrats, von einer Respektlosigkeit sondergleichen spricht der Historiker Ulrich S. Soénius. Sie sind Teil einer Kulturinitiative (www.respekt-koeln.de), deren Signum die rot lackierte Stele ist. Aufkleber und Postkarten, die die Initiative fertigen ließ, stehen für das, woran diese Stadt generell krankt: fehlende Führung, fragmentarische, an den Augenblick geknüpfte Politik, Konzeptionslosigkeit, die im Ergebnis zu Beliebigkeit führt, von Plan oder Vision nicht zu reden. Allein der Sachzwang regiert.

Wünschen wir uns und dieser Stadt, an der wir alle hängen, mehr Respekt. Für dieses neue Jahr und am liebsten für allezeit.

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls